Donnerstag, 17. Januar 2013

Caffè Sospeso



Frage: Dürfen wir uns jetzt auf eine neue italienische Kaffeespezialität freuen? So wie vor Jahren auf Latte Macchiato?
Antwort: Oh, Latte Macchiato - nun, den trinkt man in Italien so gut wie nie. Mir scheint es fast eine deutsche Erfindung, dieser in Gläsern abwechselnd mit geschäumter Milch servierte Espresso. Hübsch sieht er ja aus.... 
Frage: Wie, den trinkt man nicht in Italien?
Antwort: Ja, doch, den gibt es irgendwie schon, aber ich habe in all den Jahren noch nirgends in einer Bar oder einem Strassencafé jemanden ein solches Kaffeekunstwerk trinken sehen, wie es in Deutschland ja seit ein paar Jahren Mode ist. Aber wollten wir nicht über Caffè Sospeso reden?
Frage: Ich falle vom Glauben ab - gut! Also, wann dürfen wir uns in Deutschland auf einen Caffè Sospeso freuen?
Antwort: Den wird es wohl in Deutschland nie zu trinken geben!
Frage: Ah, verstehe! Man braucht dazu bestimmte Zutaten, eine spezielle Espresso-Sorte vielleicht, die man hier - noch - nicht bekommt? Aber nie würde ich da ja nicht sagen...
Antwort: Nein, es ist ein ganz normaler Espresso. Aber lassen Sie uns lieber von "Caffè" reden. In Italien spricht man selten von "Espresso", sondern bestellt immer nur "Caffè"!
Frage: Jetzt verstehe ich nichts mehr, ein ganz normaler Espresso - äh, Caffè, meine ich? Haben Sie schon einmal einen Caffè Sospeso getrunken - also, wie schmeckt er denn? Was bedeutet überhaupt "sospeso"?
Antwort: Nein,  den habe ich noch nie getrunken. Ich hoffe auch, dass ich nie in die Verlegenheit kommen werde, nach einen Caffè Sospeso fragen zu müssen! Und "sospeso"  kommt von dem Verb  "sospendere", was unter anderem soviel wie "aufheben" aber auch "einstellen" oder "beenden" bedeutet. Aber auch "schwebend"...
Frage (ins Wort fallend): Wie, schmeckt der so schrecklich? Dass man den zweiten gleich in den Ausguss kippt *hehe*...
Antwort: Nein, mit Sicherheit schmeckt er exzellent. Immerhin trinke man diesen Caffè in Neapel, und Neapel rühmt sich, den besten Caffè Italiens - was sage ich, der Welt natürlich  - zuzubereiten!
Frage: Ach so. Kann ich das so verstehen, dass Sie noch nie in Neapel waren und auch niemals dorthin reisen werden, um diesen Caffè zu trinken? Also, ich war ja noch nie in dieser Stadt, sonst hätte ich ihn sicher probiert.
Antwort: Mhmmmm, das glaube ich kaum....Nein, ich war schon oft in Neapel, erst kürzlich wieder vor Silvester,  und ich werde sicher auch in Zukunft ab und an dieser Stadt einen Besuch abstatten.
Frage: Warum möchten Sie ihn denn dann nicht probieren. Bestellen Sie diesen Caffè doch einmal bei ihrem nächsten Besuch von Neapel!
Antwort: Einen Caffè Sospeso bestellt man nicht, man fragt danach.
Frage (ungeduldig): Ja, dann fragen Sie doch einfach mal danach!
Antwort (etwas verlegen): Also, das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber ich würde in jeder neapolitanischen Bar verwunderte Blicke ernten, fragte ich nach einem Sospeso...
Frage (noch ungeduldiger): Jetzt spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter! Was ist denn jetzt so Besonderes an diesem Caffè?
Antwort: Es ist eine typisch neapolitanische "Erfindung"! Ein Caffè Sospeso sagt alles über Neapel und seine Einwohner aus. Über ihr großes Herz, ihre Menschlichkeit, aber diese Tradition lässt auch  eine gehörige Portion Schläue durchblicken. Einen Caffè Sospeso findet man im übrigen Italien nicht. Würde ich zum Beispiel in einem feinen Mailänder Cafè, möglichst noch in der Via Montenapoleone, nach einem Caffè Sospeso fragen, erntete ich sicher irritierte Blicke - falls man überhaupt diesen Begriff dort kennt.
Frage: Jetzt wird es für mich immer verwirrender! Was hat es denn nun mit diesem geheimnisvollen Caffè und Neapel auf sich?
Antwort: In Neapel gibt es eine Tradition, nach der man, wenn man einen Caffè für sich in einer Bar bestellt, gleich für einen zweiten Caffè, den man aber nicht selbst trinkt, mit bezahlt. Irgend ein armer Teufel, dem das Leben gerade übel mitspielt, hat vielleicht an diesem Tag keine Münzen für einen Caffè übrig, denkt sich ein Neapolitaner. Dann gönne ich ihm doch mal ein Tässchen mit dem heißen, aromatischen Getränk, das alle Lebensgeister wieder weckt. Und wer weiß, vielleicht bekomme ich dann auf irgend einem Weg etwas Barmherzigkeit in einer Notlage durch diese noble Geste wieder zurück.
Frage: Wie soll man diesen letzten Satz verstehen?
Antwort: Das hat viel mit der sicher grundgütigen neapolitanischen Lebenseinstellung, aber auch mit dem dort verbreitenden Aberglauben zu tun, der sich geradezu genial mit der neapolitanischen Sonderform des Katholizismus verbindet.
Frage: Mhmmmm, ja....
Antwort: Dazu fällt mir eine ganz witzige Geschichte ein: Bis vor ein paar Jahren waren vielen Krypten der Kirchen Neapels geöffnet. Das waren - und sind es noch immer - richtige Beinhäuser. Stapelweise Schädel und Knochen! So manch alte Nonna (Großmutter) ging da täglich hin, um zu beten. Sie suchte sich einen Knochen aus, ihren ganz persönlichen Knochen, den sie hätschelte und betreute. Irgend einem armen Tropf hat dieser Knochen ja einmal gehört, und ein Heiliger war der bestimmt auch nicht. Jetzt sitzt er sicher irgendwo im Fegefeuer!
Fegefeuer - buchstäblich ein ganz heißes Thema in Neapel! Überall in den Straßen der Altstadt sieht man in kleinen, an den Häuserwänden angebrachten Schreinen figürliche Darstellungen der von Flammen umgebenen Sünder.
Also, der ehemalige Besitzer des Knochen harrt sicher im Fegefeuer aus und wartet auf seine Erlösung. Wenn man nun täglich Gebete für ihn spricht, so denkt sich die Nonna, dann kriegt er sicher demnächst ein Upgrade in den Himmel. Und sein Wohltäter, die alte Nonna, wird dann auch nicht vergessen. Sie bekommt dann nämlich auch eine Belohnung. Zum Beispiel die Lottozahlen - im Schlaf! Aber wehe, das hat mal wieder nicht geklappt. Dann gibt's aber Haue auf den Schädel! 
Die Neapolitaner kennen da keine Gnade, und ihnen ist da nicht mal San Gennaro heilig! Verflüssigt sich sein Blut nicht an bestimmten Festtagen, wird er in der Kirche wüst beschimpft!
Übertragen also auf den Caffè: Tue ich einem Unbekannten etwas Gutes, dann fällt auch Gutes auf mich irgendwann zurück. Denn, so denkt sich der großzügige Spender, auch ich bin vielleicht einmal auf einen Caffè Sospeso angewiesen. Was San Gennaro natürlich verhüten möge!
Aber - nicht alles ist Berechnung! Nicht bei Neapolitanern, die zu einer echten Herzlichkeit und großer Hilfsbereitschaft fähig sind! Auch in diesem Sinne muss man einen Caffè Sospeso verstehen.
Frage: Das ist also auch Neapel! Nicht nur Pizza, Camorra und Müll - irre! Eine letzte Frage: Wenn Sie schon so oft in Neapel waren, haben Sie schon einmal einen Caffè Sospeso einem "armen Teufel", so wie Sie es ausdrücken, spendiert?
Antwort (errötend): Ehrlich gesagt: nein! Aber ich komme ja mal wieder in die Stadt. Ja, die italienische Kaffeekultur! ... Apropos - darf ich Sie jetzt zu einem Caffè  einladen? Ich muss Ihnen nämlich noch etwas über Cappuccino nach dem Mittag- oder -  noch schlimmer - nach dem Abendessen erzählen...




♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Kommentare:

  1. Eine sehr schöne Gesichte. Leider habe ich es bisher noch nicht in die Mitte von Neapel geschafft. Habe nur den Flughafen bzw. den Weg dahin gesehen. Aber ich werde mir die Geschichte dann zu Herzen nehmen und auch einen Kaffee mehr bezahlen. Es ist eine wunderbare Geste.

    LG Steffi

    AntwortenLöschen
  2. Eine wunderbare Geschichte. Und wieder etwas dazugelernt. So eine schöne Geste habe ich auch in Griechenland beobachtet. Da wird an Unfallstellen so wie wir auch in Österreich vielfach, ein Marterl aufgestellt. Das Marterl (Bildstock) aufgestellt. Dort werden von den Einheimischen nicht nur ständig Lichter angezündet und Blumen hingestellt, sondern auch Obst hingelegt. Das Obst dürfen dann die Bedürftigen nehmen und essen.

    Liebe Grüße
    Anna

    AntwortenLöschen
  3. Sehr schoen, das weckt Erinnerungen....

    LG Wilma/Pane-Bistecca

    AntwortenLöschen
  4. Ja, diese Geschichte weckt tatsächlich Erinnerungen - allerdings an Venedig ... im Stadtteil Castello am Rand der Giardini Pubblici (Biennale-Gelände) befindet sich ein wunderbares, gemütliches Cafe mit Gärtnerei (oder Gärtnerei mit Cafe ;-)), wo man ebenfalls einen Caffè Sospeso spendieren und natürlich auch bekommen kann.
    Leider fällt mir der Name des Cafes nicht ein, aber es ist ein herrlicher Ort, um sich auszuruhen und ausgezeichnetes Gebäck und Caffè zu genießen ... die Suche danach beim nächsten Venedig-Besuch lohnt sich also ...

    Liebe Grüße
    Birgit

    AntwortenLöschen
  5. @Steffi: Das wird Dir sicher die Sympathien der Neapolitaner einbringen! Mein Mann erzählte mir gestern Abend, dass er bei unserem letzten Besuch auch einen Caffè Sospeso "bestellt" hat. Hatte ich gar nicht mitbekommen.
    @Anna: Da wird einem ganz warm uns Herz! Die Griechen habe ich im vergangenen Jahr als solch herzliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt, dass ich mir das sofort vorstellen kann.
    @Wilma: Mich freut es immer wieder, wenn solche kleinen Geschichten schöne Erinnerungen wecken! :-)
    @Birgit: Vielleicht waren die Besitzer des Cafès ja Neapolitaner und haben diesen schönen Brauch nach Venedig gebracht? Am vergangenen 10. Dezember gab es in ganz Italien übrigens einen "Tag des Caffè Sospeso", an dem man aufrief, sich an diese schöne neapolitanische Tradition zu erinnern. Zwei Jahre zuvor war diese Initiative ins Leben gerufen worden:
    http://www.retedelcaffesospeso.com/

    AntwortenLöschen
  6. Leider gibt es den Sospeso nur in Süditalien. Letztes Jahr war ich ja einige Male in Norditalien, da bin ich immer gescheitert, wenn ich einen Sopeso bestellen wollte.

    Den Tipp von Frau Fingerhut mit Venedig muss ich mir merken, weil da geht es dieses Jahr hin. Vielleicht kann ich da endlich einmal einen Sospeso kaufen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Beim nächsten Mal noch mit neapolitanischer Aussprache: Soschpeso :-)), dann wirst Du gleich für eine Neapolitanerin gehalten, die sich in den Norden verirrt hat. Ja, wie gesagt, es gibt ihn im Prinzip nur in Süditalien, aber ich muss mal unsere venezianischen Freunde, die übrigens vor Silvester mit uns in Neapel waren, einmal darauf hinweisen, wo sie ihn auch in Venedig spendieren können.

      Löschen
  7. Das ist eine wundervolle Geschichte :-) und wieder was gelernt.
    Die Italiener und der Caffè, der ist schon wirklich besonders.
    Ich bin eigentlich kein großer Kaffeetrinker, aber bei italienischen Kaffee werd ich schwach, der ist wirklich gut. Und bei einem Wiener Einspänner ;-)

    wünsche dir ein schönes Wochenende Ariane!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, so ein schneller Caffè zwischendurch, gerne direkt an der Bar, ist schon etwas Feines!
      Auch Dir noch ein wunderschönes Wochenende! :-)
      Saluti
      Ariane

      Löschen
  8. Ha, manchmal lohnt es sich doch, Urlaubserinnerungen in Form von Kassenzetteln aufzubewahren ;-) ... das Café in Venedig heißt "Caffe la Serra" ... falls mal jemand dahin möchte ... wir schauen bei unserer nächsten Venedig-Reise auf jeden Fall nochmal vorbei ...
    Saluti, Birgit

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, liebe Birgit! Ich hoffe, das lesen auch andere hier!
      Saluti
      Ariane

      Löschen

Danke für Deinen Besuch!
Über liebe Worte freue ich mich; aber auch über konstruktive Kritik. Anonyme oder beleidigende Kommentare und Werbelinks werden entfernt. Leider muss die Sicherheitsabfrage aktiviert bleiben, da ich sonst mit Spam-Kommentaren überschüttet werde.

Es ist ein Fehler bei diesem Gadget aufgetreten.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...