Mittwoch, 4. März 2020

Es ist ein Brauch von alters her ... Liquore al bergamotto



"Es ist ein Brauch von alters her,
wer Sorgen hat, hat auch Likör."

(Wilhelm Busch, Die Fromme Helene)


Eigentlich sollte ich in dieser Woche in Griechenland sein. Zunächst für ein paar Tage in Sparta, anschließend in Delphi. Da mein Mann in den vergangenen Monaten gesundheitlich etwas angeschlagen war, wollte ich ihn auf seiner Dienstreise begleiten. Viel gesehen hätte ich ihn nicht, aber wir wären wenigstens für ein paar Stunden am Tag zusammen gewesen.
Nur dann kam alles anders; bewegte Zeiten eben!

Am Tag der Abfahrt saß ich also auf gepackten Koffern und wartete bis zum Abend. Mein Mann hatte an diesem Tag noch viel zu tun, so dass wir erst nach 20 Uhr aufbrechen konnten. Vorher mussten wir noch unsere mehr als nervöse Kringel einfangen, die sich an allen unzugänglichen Orten vor uns zu verstecken suchte. Es ist vor Reisen oder auch Tierarztbesuchen immer so, als könne sie Gedanken lesen. Allein die Vorstellung, wieder in ihre Tasche gepackt zu werden und ihr Lieblinsgsplätzchen verlassen zu müssen, lässt sie in Panik ausbrechen. Ihre vergeblichen Vorkehrungen, dem allen zu entfliehen, ihr lautes Klagen, wenn wir sie dann zu ihrer Catsitterin fahren, bricht mir jedes mal fast das Herz!
Aber schließlich konnten wir sei einfangen, der Wagen war gepackt und die Reise konnte beginnen...

Um er kurz zu machen: Wir kamen nach 600 Kilometern Richtung Süden um 4 Uhr morgens in Brindisi in Apulien an. Dort haben wir übernachtet, um am nächsten Morgen zum Hafen zu fahren, von wo wir aus die Fähre nach Igoumenitsa nehmen wollten. Das wäre dann aber am Folgetag noch nicht unser endgültiges Ziel gewesen.
Nach sieben Stunden auf einer Fähre wäre die Reise weitergangenen - einmal mehr bis spät in die Nacht hinein. Deswegen telefonierte mein Mann noch in Brindisi am Morgen mit dem Hotel in Sparta, um auf unsere späte Ankunft hinzuweisen. "Wir kommen aus Italien, wie Sie wissen, hoffentlich ist das kein Problem für Sie", fügt er noch zum Schluss hinzu. "Nein, glaube ich kaum", lautete die Antwort an der Rezeption.

Er sollte ein Problem werden. Wir hatten gerade die Tickets für die Autofähre gekauft und warteten, um auf die Fähre zu fahren. Dann der Anruf. "Es tut uns leid, sie verstehen - Coronavirus - wir können keine aus Italien kommenden Gäste aufnehmen..."
Peng! Seit zehn Tagen hatten sie unsere Reservierung vorliegen! Schriftlich! Mit der Büroadresse meines Mannes!
Wir fuhren also wieder 600 Kilometer zurück.  Darf ich sagen, dass ich trotz Übermüdung erleichtert war? Wenn auch nur einer auf der Fähre oder später im Hotel gehustet hätte, wären wir vielleicht in Quarantäne gekommen; für mich keine angenehme Vorstellung! Die Konferenz ein paar Tage später in Delphi wurde dann auch abgesagt.









Wohltuend nach all' der vergeblichen Reiserei wäre jetzt ein Likörchen gewesen! Obwohl, wie gesagt, Sorgen hatte ich in diesem Moment erst einmal nicht mehr. Mein gerade erst fertiggestellter   Liquore al bergamotto war zudem noch nicht genügend "gereift", um ihn schon kosten zu könnenDarüber hinaus verzichte ich bis Ostern wieder auf Alkohol (mit einer Ausnahme am bevorstehenden Geburtstag meines Mannes). Ein wenig geärgert hatte es mich allerdings, dass ich wegen der Reise den alkoholischen Ansatz vier Tage früher, als im Rezept angegeben, gefiltert und mit dem übrigen Zutaten vermischen musste. Ich wollte ihn nicht zu lange ziehen lassen. Aber auch mit zeitlich verkürztem Alkohol-Ansatz habe ich trotzdem einen höchst aromatischen Likör abfüllen können. Alles duftete einfach unwiderstehlich nach Bergamotten.

Ein Brauch von alters her ist es in Kalabrien, aus diesen Zitrusfrüchten Likör anzusetzen - so wie man es weiter nördlich in Kampanien, "wo die Zitronen blühen",  mit den Zitronen für den Limoncello macht.  90 Prozent aller Bergamotten werden in der süd-italienischen Region entlang der Küste angebaut. Der Name der Früchte soll auf eine Birnensorte zurückgehen, die ursprünglich in der Türkei angebaut wurde. In der Bezeichnung steckt noch das türkische Wort für diese Birnen: Bey armudu. Allerdings ist die Wortherkunft nicht ganz geklärt. Auch die Stadt Pergamon könnte hier Pate gestanden haben.
Hauptsächlich verwendet man heute die hocharomatischen Schalen der Früchte: süße Rezepte für Kuchen und Marmeladen gibt es ebenso wie herzhafte. Zudem schätzt man die ätherischen Öle in der Parfumproduktion.

Die aromatischen Öle der Schale parfümieren zudem eine der bekanntesten Teesmischungen, den Earl Grey, der zugleich Lieblingstee des legendären Captain Jean-Luc Picard ist.
Wie pflegte er immer zu sagen:





"Machen Sie es so!"




  • 5 Bergamotten, unbehandelt
  • 1/2 Liter Alkohol (96%)
  • 1/2 kg Zucker
  • 1 Vanillestange
  • 750 ml stilles Mineralwasser
  • Gaze zum Filtern



Die Bergamotten gründlich waschen und trockenreiben. Dünn die Schale mit dem Sparschäler abschälen, dabei darauf achten, nicht das Weiße mit abzuschälen.

Den Alkohol zusammen mit den Schalen und einer abgeschälten, mehrfach angestochenen  Bergamotte in ein hermetisch abschließbares Gefäß geben. (Die vier übrigen Bergamotten habe ich nach und nach mit Orangen für unseren morgendlichen Saft ausgepresst.)
Das Glas zwei Wochen an einem kühlen und dunklen Ort verwahren.






Nach dieser Zeit das Wasser mit dem Zucker und dem Mark der Vanilleschote einmal aufkochen lassen; der Zucker muss sich vollständig aufgelöst haben. Die Mischung erkalten lassen und dann durch ein mit Gaze ausgelegtes Sieb filtern.
Ebenso den alkoholischen Ansatz filtern. Zuckerwasser und Alkohol mischen und in Flaschen abfüllen. Den Likör an einem dunklen Ort zwei Monate ziehen lassen, dann eisgekühlt servieren.








Kommentare:

  1. Liebe Ariane!
    Ich verfolge Ihnen Blog schon sehr lange und ich habe mich gewundert, dass es in letzter Zeit sehr ruhig bei Ihnen gewesen ist.
    Die versuchte Dienstreise Ihres Mannes klingt ja nach einem Alptraum, da kann nur mehr Bergamotten Likör helfen.
    Wir wollen am 17.3.für ein paar Tage nach Orvieto und dann weiter nach Rom fahren und anschließend über Venedig wieder nach Hause nach Wien.
    Jetzt wollte ich Sie fragen, wie die Stimmung in Rom ist und ob Sie ein gutes, normales Lokal in der Nähe vom Campo dei Fiori (wo wir eine Wohnung haben) für uns wissen.
    Vermissen Sie irgendetwas in Italien, können wir Ihnen etwas mitbringen?
    Bei uns in Wien ist es frühlingshaft und die Leute sind eher ruhig, nur die Medien sind die Katastrophe und so einzelne Freunde.
    Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen, und falls ich Ihnen mit etwas aus Wien Freude machen kann, so sagen Sie mir das bitte.
    LG
    Klaudia

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    1. Liebe Klaudia,

      danke für Ihre Treue! Ja, es war etwas stiller geworden, aber entweder das "richtige" Leben lässt wenig Zeit oder auch es fehlt manchmal die Energie und die Inspiration zum Bloggen.

      Haben Sie schon meine Tipps gesehen; oben, unter dem Header? Da wir ja unweit des Campo de'fiori wohnen, sind viele Restaurants leicht in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Ganz nah zum Beispiel ist "Roscioli" (auf meiner Liste), allerdings auch so begehrt, dass man mindesten 2-3 Tage im Voraus einen Platz bestellen muss.
      Nur - in diesen Zeiten wird das wohl kaum noch nötig sein. Die Restaurants sind viel leerer als sonst, so auch die Strassen und Plätze. Noch ist unklar, wie sich das alles entwickelt. Leider hält Italien in Europa traurige Rekorde.

      Hoffentlich wird die Situation wieder besser und Sie können Ihre Reise ohne Sorgen antreten; ganz lieben Dank auch für Ihr freundliches Angebot. Vor einigen Jahren wäre mir da sicher etwas eingefallen, da gab es oft einfache Dinge für die internationale Küche wie Crème fraîche nicht zu kaufen. Aber das hat sich glücklicherweise doch sehr geändert. Trotzdem: lieben Dank!


      Saluti
      Ariane

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    2. Liebe Ariane!
      Danke für die schnelle Antwort.
      Ja, Du hast Recht, es gibt von Dir eine tolle Liste mit Restaurant Tipps. Danke!
      Das Roscioli schaut einladend aus und vor allem normal.
      Ein Alimentari und eine Bäckerei, die dazugehören, ist immer fein.
      Direkt am Campo dei Fiori gibt es ja auch einen Feinkostladen, den ich sehr liebe.
      Wir wollen ja auch wieder selber kochen, da mein Mann jetzt die schöne Wohnung, in die ich immer wollte, gebucht hat.
      Er hat sich das letzte Mal geirrt und das falsche Datum erwischt, und dann war die Wohnung vergeben und wir haben was anders, zwar auch in der Gegend, aber nicht so schön nehmen müssen.
      Ich schätze es sehr immer wieder gute Tipps und Rezepte auf Deinem Blog zu lesen, und mir ist bewusst, wieviel Arbeit das macht.
      Falls Dir doch noch etwas einfällt, was Du doch gerne hättest, so ist bis Montag noch Zeit.
      LG aus Wien
      Klaudia

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    3. Danke, liebe Klaudia!
      Eine angenehme und sichere Reise!

      Saluti
      Ariane

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  2. Ach herrje, was für eine unnötige, 1200 km lange Tour d'Italia - manchmal ist doch wirklich der Wurm drin! Warum man aber diese Konferenz unter den gegebenen Umständen nicht gleich abgesagt hat, entzieht sich ein bisschen meinem Verständnis...

    Nun zu Deinem Bergamotte-Likör! Von allen Zitrusfrüchten liegt mir die Bergamotte am wenigsten, sie schmeckt mir einfach zu streng. Deshalb mag ich auch keinen Earl Grey, obwohl ich ein ausgesprochener Tee-Fan bin. Wusstest Du aber, dass es seit einiger Zeit auch einen sog. Lady Grey mit Orangen- und Zitronenschalen und wenig Bergamottöl gibt? Dieser schmeckt m. E. wesentlich "sanfter" als sein männliches Pendant und wird deshalb von mir bevorzugt.

    Ansonsten werde ich aber wohl doch bei meinem selbstangesetzten Arancino bleiben...

    Ganz liebe Grüße nach Rom sendet
    Elvira

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    1. Ach Elvira, ist das nicht mal wieder typisch für unser Leben? Aber da sich in den vergangenen Tagen die Situationen so schnell hier geändert haben, hat man auch mit der Absage der Konferenz seitens der Griechen bis zum vergangenen Samstag gewartet. Auch das Hotel hatte ja gezögert.

      Also, ich habe mich fast ein wenig in die Bergamotten verliebt. Vielleicht auch, weil sie richtig reif waren. Ich bin mal gespannt auf das Ergebnis, wenn der Likör "ausgereift" ist. Jedenfalls schmeckte der kleine Schuss Bergamotten-Saft unter dem Orangensaft richtig gut.
      Aber Dein Arancino ist natürlich klasse!

      Saluti
      Ariane

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