Mittwoch, 25. Mai 2022

Wenn "Fladenbrot" zum Primo wird: Testaroli al pesto




Es gibt in Italien Traditionsgerichte, die über ihr Territorium hinaus kaum bekannt geworden sind. Testaroli sind so ein Fall. La Lunigiana nennt sich das kleine Zipfelchen Erde in den Hügeln des Appenin nordöstlich von La Spezia, wo Ligurien an die Toskana grenzt, und diese Enklave ist die Heimat der Testaroli.
Ihren Namen verdankt diese Spezialität einem kleinen transportablen Öfchen, in dem die pfannkuchenartigen Fladen gebacken werden. Der sogenannte "Testo" besteht aus zwei Teilen, dem "Sotan" (Unterteil) und einem Deckel, dem "Sovran". Ursprünglich fertigten die Frauen in der Lunigiana diese Öfchen aus Terracotta an, ab den fünfziger Jahren setzten sich aber Geräte aus Gusseisen durch. Ob nun aus Terracotta oder aus Gusseisen, die kleinen Öfchen wurden in einem Holzofen zunächst erhitzt, dann zog man sie wieder heraus, goss den Teig in das Unterteil, setzte den Deckel auf und schob das ganze wieder in den großen Ofen zurück. Durch die hohen Temperaturen verdunstete sofort die Flüssigkeit im Teig, und das Ergebnis war eine Art schwammiger Fladen mit dem typisch nussartigen Geschmack, den ein Holzofen auch einem darin gebackenen Brot verleiht.




Natürlich werden die wenigsten von uns weder ein solches Öfchen noch einen großen Forno a legna  besitzen. Also kann man auf eine Pfanne mit niedrigem Rand oder auch eine Crêpes-Pfanne zurückgreifen - und auf den heimischen Herd. Da ich meine beschichtete Crêpes-Pfanne benutzt habe, musste ich mit moderaten Temperaturen arbeiten. Die Fladen blieben eher blass, auch fehlte ihnen die typische perforierte Oberfläche, die durch das fast schockartige Verdampfen der Flüssigkeit bei hohen Temperaturen entsteht. Alles das nahm aber nichts von dem Genuss, der sich im Zusammenspiel mit dem Pesto ergab. 





Pinienkerne können wir übrigens beim Pesto hier weglassen, denn sie gehören bei diesem Traditionsgericht nicht dazu. Ursprünglich mischte man nur Käse, Öl und zerkleinertes Basilikum unter die Testaroli; vielleicht auch ein Hinweis, dass es sich wieder einmal um ein Gericht der Cucina Povera handelt. Die teuren Pinienkerne verwendete man im reichen Genua, nicht aber in armen Bergdörfern. 

Wenn es also mal nicht Pasta auf dem Teller sein muss, dann sind diese in Rauten geschnittenen Fladen ein genussvoller Ersatz. 





Zutaten und Zubereitung
(für 2-3 Personen)


Testaroli
  • 150 g Mehl 0 (Typ 550) 
  • 150 g Mehl 2 (Typ 1050) 
  • oder 300 g Mehl 1 (Typ 812)
  • eine Prise Salz
  • 400 ml heißes, aber nicht kochendes Wasser
  • etwas Öl für die Pfanne


Im Original wird die Mehltype 1 oder auch Typ 812 verwendet. Dieser Mehltyp ist nur schwer im Handel erhältlich, also habe ich zwei Mehltypen, die ich vorrätig hatte, gemischt. 

Das Mehl in eine Schüssel sieben, etwas Salz hinzufügen und unter kräftigem Rühren das heiße Wasser zufügen. Der Teig sollte glatt und ohne Klümpchen sein.

Etwas Öl in einer Pfanne erhitzen und eine Kelle des Teiges in die Pfanne gießen. Der Teig sollte kompakt bleiben bei einer Dicke von ca. 1 cm.  Einen Deckel auf die Pfanne setzen. Die Unterseite des Fladen kontrollieren, wenn er Farbe angenommen hat, wenden und fertigbacken. 
So weiter verfahren, bis der Teig aufgebraucht ist. Testaroli sollten eine schwammartige Konsistenz haben.

Die Testaroli etwas abkühlen lassen, zunächst in Streifen, dann in Rauten schneiden.

Vor dem Anrichten Wasser zum Kochen bringen, salzen und die Testaroli hinzufügen. Sofort einen Deckel auf den Topf setzen, den Topf von der Kochstelle nehmen und 2 Minuten ziehen lassen.

Testaroli mit der Schaumkelle herausfischen und mit dem Pesto, das man mit etwas Kochwasser verrührt hat, mischen. 






Pesto
  • 5 Sträußchen Basilikum (man braucht ca. 60 g abgezupfte Blättchen)
  • 20 g Parmigiano Reggiano, frisch gerieben
  • 20 g Pecorino Romano, frisch gerieben
  • 1 Knoblauchzehe
  • Salz
  • Olivenöl extra vergine

Aus allen Zutaten ein Pesto - wie an dieser Stelle beschrieben - herstellen. 






Sonntag, 17. April 2022

Ein Osterfrühstück wie in Neapel: Tortano rustico imbottito


Das Praktische an den unzähligen Spezialitäten, die ein traditionell italienisches Osterfrühstück bereichern: Man bekommt das Gesamtpaket zum Caffè geliefert! Hefegebäck, Salami, Käse und Eier - alles in einem! Eigentlich ist diese Zusammenstellung sehr untypisch für eine Prima Colazione, wie man sie in Italien schätzt. Cornetto und Cappuccino - dazu vielleicht noch ein wenig Konfitüre - und der Tag kann beginnen! Nicht selten wird noch immer dieses karge Frühstück in einer Bar im Stehen eingenommen - und dabei erfährt man dann ganz nebenbei auch den neuesten Klatsch aus dem Viertel! 



Im Tortano verstecken sich im Gegensatz zum Casatiello die gekochten Eier im Teig - nebst verschiedenen Käsesorten und natürlich Salami. Letztere kommt dieses Mal nicht aus Neapel, sondern aus Rom. Der aus den Abruzzen stammende Salame Aquilano, hatte mir mein Mann vor ein paar Wochen aus dem Feinkostladen am Campo de' fiori mitgebracht. Diese Wurstsorte ist nicht so grob wie die typische Salami aus Neapel und war in unseren römischen Tagen Stammgast im Kühlschrank. 

Die derzeitige Mehlkrise lässt sich bei dem Tortano bestens ignorieren, da der Teig aus gemahlenem Hartweizengrieß herstellt wird, den man sonst bei der Herstellung von Pasta braucht. Man findet ihn - zumindest in größeren deutschen Städten - in fast allen Supermärkten. Wie übrigens auch die verschiedenen Käsesorten. 




Zutaten und Zubereitung


  • 300 g gemahlenen Hartweizengrieß (Semola di grano duro rimacinata) + etwas Mehl für die Verarbeitung
  • 25 g frische Hefe
  • 4 El Olivenöl extra vergine + Öl für die Form und zum Bestreichen
  • 1 Tl Zucker
  • 50 g Parmigiano Reggiano, frisch gerieben
  • Salz, frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
  • 2 hartgekochte Eier
  • 100 g Salami
  • 60 g Provolone
  • 100 g Scamorza affumicata (oder einen anderen geräucherten Käse)
  • 75 g Taleggio


Die Hefe zerbröseln und mit einem halbem Teelöffel Zucker in 100 ml lauwarmem Wasser auflösen.
In einer Schüssel 150 g Hartweizengrieß mit etwas Salz, Pfeffer und dem restlichen Zucker mischen. Den Hefeansatz dazugeben und mit der Küchenmaschine einen Teig kneten.
Die Schüssel abdecken und an einem warmen Ort eine halbe Stunde gehen lassen.

Nach dieser Zeit die restlichen 150 g Hartweizengrieß, das Olivenöl, den geriebenen Parmigiano und 100 ml lauwarmes Wasser zum Teig geben und alles miteinander mit der Küchenmaschine, dann auf einer bemehlten Fläche mit den Händen verkneten. Die Teigkugeln leicht einölen, in eine Schüssel geben und mit einem Küchentuch abdecken. Wieder für eine Stunde an einen warmen Ort stellen.

In der Zwischenzeit die Salami und den Käse würfeln und die Eier in Scheiben schneiden.





Den Teig auf einer bemehlten Fläche mit den Händen zu einem Rechteck flachdrücken.
Die Salami- und Käsewürfel sowie die Eierscheiben darüber verteilen und dann den Teig vor der längeren Seite her aufrollen.
Vorsichtig zu einem Kranz formen und diesen in eine geölte Kranzform (z.B. Frankfurter-Kranz-Form) legen.
Abdecken und zwei weitere Stunden gehen lassen. 

Den Backofen auf 180 Grad (Ober- und Unterhitze) vorheizen.
Den Tortano im vorgeheizten Ofen ca. 1 Stunde backen. 
Danach abkühlen lassen und auf eine Kuchenplatte stürzen.

🥚🥚🥚

Es ist seit vielen Jahren wieder unser erstes Osterfest, das wir in Deutschland begehen. Mit diesem Osterkranz holen wir uns - und hoffentlich auch Euch -  ein wenig Italien nach Hause.

Ich wünsche Euch allen fröhliche Ostern! 




Donnerstag, 31. März 2022

Deliziös: Delizie al Limone




Wahrlich deliziös sind diese zitronigen Halbkugeln, die Delizie al Limone! Nach deren Herstellung war ich dann aber leicht komatös! Jetzt weiß ich, warum ich die Zubereitung dieser Gebäckspezialität von der Amalfiküste stets vor mir hergeschoben und vertagt hatte. Es war die blanke Angst, davor zu kapitulieren! Es gibt noch so einige Gerichte und Dolci, vor denen ich großen Respekt habe. So langsam taste ich mich aber heran, frei nach dem Motto: Just do it! Und wenn es schiefgeht, dann kratzen wir das Ergebnis zusammen und naschen es weg. Muss ja niemand mitbekommen.





Die Bezeichnung Delizia muss man wohl kaum übersetzen. Die mit Zitronencrème gefüllten Biskuitstücke sind wirklich überaus köstlich. Ohne in Klischeebilder abzugleiten, aber hier schmeckt man wirklich die Sonne der Amalfiküste! Allein das Aroma des Limoncello, mit dem die Törtchen getränkt werden, lässt mich nostalgisch werden.




Und überhaupt die Zitronen! Dass es welche aus Amalfi sein müssen, versteht sich von selbst! Ich habe das große Glück, dass mein Mann ganze 24 Stunden in Rom war und auf dem Campo de'fiori, meinem geliebten (und manchmal auch verhassten - Stichwort Touri-Kitsch!) Markt, Zitronen gekauft hatte. Eigentlich nur für den neu anzusetzenden Limoncello. Aber da leuchteten mir diese prächtigen Exemplare von Zitronen entgegen und flüsterten: Jetzt! Jetzt ist die Gelegenheit! Wie sagt man so schön in Italien: "Prendere o lasciare" - zupacken oder es lassen. Also wurden die Formen bestellt (in der Stadt hatte ich in mehreren Läden vergeblich danach gesucht), und ab ging es in die Küche! Ich habe davor noch ein wenig prokrastiniert, was ich immer bei unangenehmen Dingen wie Steuererklärungen etc. tue, dann gab es keine Entschuldigungen mehr. 




Ich möchte niemanden davon abhalten diese Teilchen nachzubacken; ganz im Gegenteil. Ich hoffe, ihr stürzt euch sofort auf das Rezept! Aber seid gewarnt, ihr müsst mehrere Stunden dafür einplanen. Diese harmlos aussehenden Halbkügelchen haben es nämlich in sich, und das wortwörtlich! So schnell der Biskuit auch gerührt und gebacken werden kann, so aufwendig und langwierig ist die Herstellung der verschiedenen Crèmes, die am Ende zusammengeführt werden. Wer hat das eigentlich erfunden? Ursprünglich entstand nach dieser Rezeptur wohl eine Torte - la torta delizia al limone. Beliebt und bekannt aber wurden diese kleinen "Monoportionen", die in wirklich allen Konditoreien der Halbinsel von Sorrent zu finden sind. Dem Konditormeister Carmine Marzullo sei Dank! Er hat die Leckerei nämlich 1978 kreiert. Ein anderer Meister seiner Kunst, Pasticcere Salvatore De Riso, hat die Delizie perfektioniert und weithin bekannt gemacht. Es ist das Dessert der "occasioni importanti" - der "wichtigen Anlässe" im Leben wie Hochzeiten oder Kindstaufen. Oder  es ist auch einfach nur dafür geeignet, sich im grauen Deutschland mit den Aromen des Landes, "wo die Zitronen blühen", wegzuträumen an die schönste Küste der Welt.

Ach ja, Limoncello habe ich natürlich auch angesetzt; dafür wurden die Zitronen ja schließlich gekauft. Nun habe ich mindestens 9 abgeschälte Zitronen im Kühlschrank liegen und werde demnächst eine Zitronensaftkur beginnen. 




Zutaten 
(für 10 Delizie al limone)



Für die Biskuithalbkugeln

  • 50 g Mehl (00 oder 405)
  • 40 g Kartoffelstärke
  • 100 g Zucker
  • 3 Eier
  • 3 El Wasser
  • 1 Tl Backpulver
  • Abrieb einer halben Zitrone
  • 1/2 Tl Vanilleessenz
  • 1 Prise Salz



Konditorcrème (Crema pasticcera)

  • 125 ml Vollmilch
  • 30 g Zucker
  • 2 Eigelb
  • 7 g Maisstärke
  • Abrieb einer halben Zitrone
  • 25 ml Limoncello
  • 125 g süße Sahne


Zitronencrème

  • 2 Eigelb
  • 35 g Zucker
  • 35 g Butter
  • 35 ml Zitronensaft
  • Die abgeschälte Schale einer Zitrone

Zum Tränken

  • 50 ml Wasser
  • 50 g Zucker
  • 70 ml Limoncello
  • Abrieb einer Zitrone


Für die Glasur und die Verzierung

  • 250 ml süße Sahne (eventuell auch mehr)
  • Zitronenzesten


Man braucht:

  • 2 Backmatten aus Silikon mit jeweils 5 Halbkugeln 80 mm x 40 mm
  • Spritzbeutel mit spitzer Tülle zum Füllen und Sterntülle zum Verzieren
  • Küchenthermometer

🍋🍋🍋


Zubereitung


Den Backofen auf 180 Grad (Ober- und Unterhitze) vorheizen. Eventuell neue Silikonformen mit Butter ausfetten (entfällt nach dem ersten Gebrauch). 

Für die Biskuitmasse die Eigelbe mit dem Zucker und einer Prise Salz hellschaumig aufschlagen. Dann gegen Ende 3 El heißes Wasser zugießen. Zitronenabrieb und Vanilleessenz unterrühren. Mehl, Kartoffelstärke und Backpulver vermischen und über die Schaummasse sieben. Vorsichtig unterheben.
Den Teig in den Halbkugeln verteilen und im vorheizten Ofen 17-20 Minuten backen (Stäbchenprobe!).
Herausnehmen, etwas abkühlen lassen, auf ein Kuchengitter stürzen und vollkommen auskühlen lassen.




🍋

Für die Konditorcrème den Zucker und die Maisstärke miteinander vermischen und die Eigelbe unterrühren, bis eine glatte Masse entsteht. 
Die Milch mit dem Abrieb der Zitrone erhitzen und  für 10 Minuten ziehen lassen. Milch anschließend  durch ein Sieb filtern und unter Rühren zu der Eigelbmischung gießen. Diese Crème nun in einen Topf geben und vorsichtig unter Rühren mit dem Handrührgerät erhitzen. Sie sollte am Ende nicht mehr schaumig sein, sondern die Konsistenz eines Puddings haben. Dabei die Temperatur kontrollieren; sie sollte nicht über 80 Grad steigen. 
Diese Crème nun in eine flache Schüssel geben und die Oberfläche mit Klarsichtfolie abdecken, damit sich keine Haut bildet.

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Für die Zitronencrème eine Zitrone dünn abschälen, die Zitrone auspressen und 35 ml Saft abmessen. 
Zitronensaft und Zitronenschalen zum Kochen bringen. Währenddessen die Eigelbe mit dem Zucker hellschaumig aufschlagen. Den heißen Zitronensaft unterrühren (vorher die Zitronenschalen herausfischen). Diese Masse in einen Topf geben und vorsichtig (brennt leicht an!) unter Rühren mit einem Schneebesen erhitzen (auch hier Temperatur kontrollieren, nicht über 80 Grad steigen lassen!). 
Diese Crème in eine Schüssel umfüllen und die Butter ein Stückchen einarbeiten, wenn sie auf 40 Grad heruntergekühlt ist. Wie schon die Konditorcrème mit Folie bedecken und abkühlen lassen. 

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Für das Tränken des Biskuits Wasser, Zucker und Zitronenabrieb zu einem Sirup einkochen. Wenn dieser abgekühlt ist, den Limoncello dazugießen und den Sirup anschließend durch ein Sieb geben.

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Jetzt werden die Konditorcrème und die Zitronencrème zusammengeführt. Dafür zunächst den Limoncello unter die Konditorcrème gießen und verrühren, dann unter diese Crème die Zitronencrème rühren. Die Sahne steifschlagen und unterheben.

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Ungefähr die Hälfte dieser Crème in einen Spritzbeutel mit spitzer Tülle geben, die Biskuithälften umdrehen und jede mit der Tülle an der Unterseite anpieksen und mit Crème füllen.
Wieder umdrehen und auf ein Tablett setzen. 





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Die nun gefüllten Biskuithälften mit dem Zitronen-Limoncello-Sirup bestreichen und für eine Stunde in den Kühlschrank geben. 

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Für die Glasur die übriggebliebene Crème mit so viel Sahne verrühren, dass eine halbflüssige Glasur entsteht. Diese über die getränkten Biskuithalbkugeln gießen.
Für mindestens 6 Stunden in den Kühlschrank stellen.

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Für die Verzierung die restlichen Sahne steifschlagen und Tupfer auf und rund um die Törtchen spritzen.
Mit Zitronenzesten verzieren.

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Dienstag, 22. Februar 2022

Es muss nicht immer Frittiertes zum Karneval sein: Migliaccio napoletano


In diesem Jahr vermisse ich besonders die italienischen Bäckereien und Konditoreien. Wenn es auf Karneval zugeht, lockt nämlich das herrlichste Gebäck in den Auslagen. All die wunderbaren Castagnole - pur, mit zimtiger Ricotta oder Vanillecrème gefüllt -, die Frittelle oder die mit Puderzucker überstäubten Chiacchiere. Normalerweise kaufe ich ja nie Torten oder Plätzchen in einer Konditorei, aber diesen saisonalen Spezialitäten konnte ich meist nicht widerstehen. Allein das Auspacken des Gebäcks machte Spaß, denn in Italien werden die Köstlichkeiten nicht nur achtlos in eine Tüte  geschaufelt, sondern behutsam auf ein Papiertablett gelegt, das dann wie ein Geschenk verpackt wird - inklusive Geschenkbändchen. Man hatte stets das Gefühl, etwas ganz Besonderes mit nach Hause zu tragen. Es sind eben diese kleinen, feinen Dinge, die ich in meinem deutschen Alltag vermisse. 




Neben den typischen frittierten Süßigkeiten kennt man zur Karnevalszeit in Neapel den Migliaccio. Die Bezeichnung geht auf das Wort Miglio zurück, denn ursprünglich nahm man für diesen Kuchen Hirse. Diese Getreidesorte gibt es heutzutage in Italien nur noch selten zu kaufen, manchmal findet man sie im Biomarkt. Für Migliaccio wird sie nicht mehr gebraucht, denn dazu verwendet man nun Weizengrieß. Der wiederum ist in jedem italienischen Supermarkt zu finden, als Semolino. Damit ist automatisch Hartweizengrieß (di grano duro) gemeint, den ich auch für die Gnocchi alla Romana verwende. In der gemahlenen Version findet sich der Grieß wieder bei der Pastaproduktion (Semola di grano duro rimacinata).  



Wer Grießbrei als Seelenfutter schätzt oder Käsekuchen liebt (hier!), wird auch beim Migliaccio auf seine Kosten kommen. Die Zubereitung ist überaus einfach, die Zutaten sind wenige, wobei man die Masse noch zusätzlich mit Orangenabrieb, kandierten Früchten oder Schokotropfen anreichern kann. Ich dagegen wollte es dieses Mal pur, nur mit ein wenig Vanille aromatisiert. In Neapel existiert übrigens auch eine pikante Version des Migliaccio, die eher einem Auflauf ähnelt, mit Salsiccia, Mozzarella oder auch anderen Käsesorten wie etwa Pecorino

Wie schon öfters erwähnt: Ich brauche keinen deutschen Karneval, aber italienisches Karnevalsgebäck muss es in jedem Jahr sein!




Zutaten und Zubereitung
(für eine Springform von 24 cm Ø)



  • 800 ml Milch
  • 1 Vanillestange
  • 50 g Butter + Butter für die Form
  • 1 Prise Salz
  • 200 g Hartweizengrieß
  • 4 Eier
  • 250 g Ricotta (wenn erhältlich: Ricotta di pecora - aus Schafsmilch)
  • 250 g Zucker
  • Puderzucker

Die Milch mit einer Prise Salz, der aufgeschlitzten Vanilleschote, dem herausgekratzten Mark und der in kleine Stücke geschnittenen Butter aufkochen, dann den Grieß unter ständigem Rühren einrieseln lassen. Weiter kräftig rühren, bis die Masse dicklich wird.
Danach abkühlen lassen und immer mal wieder umrühren.

Die Ricotta in der Zwischenzeit in einem Sieb abtropfen lassen. Die Molke weggießen und die Ricotta durch das Sieb streichen. 

Den Backofen auf 180 Grad (Ober- und Unterhitze) vorheizen.
Die Springform mit Butter ausfetten.

Die Eier mit dem Zucker weißschaumig aufschlagen. Zunächst portionsweise die Ricotta und danach die Grießmasse unterrühren, bis keine Grießklümpchen mehr zu sehen sind.

Die Grießmasse in die vorbereitete Form gießen und im Ofen 50-60 Minuten backen. In den letzten Minuten die Ofentür mit Hilfe eines Kochlöffels leicht geöffnet halten.

Den Kuchen in der Form vollständig auskühlen lassen.
Vor dem Servieren mit Puderzucker bestäuben.












Samstag, 29. Januar 2022

10 Jahre zwischen süß und bitter




Zehn Jahre ist es nun her, dass ich an ungemütlichenen Januartagen frierend in unserer römischen Wohnung saß und noch immer über einen Namen für mein Blogprojekt nachdachte. Eine Zeitlang stand "Grand Tour in pentola" -  "Grand Tour im Topf" -  ganz oben auf meiner Favoritenliste. Aber der französischer Begriff für die klassische Bildungsreise des 18. und 19. Jahrhunderts und dazu noch die italienische Bezeichnung für einen Topf - das erschien mir dann doch zu elitär.  Konnte ich so Menschen erreichen, die meine große Liebe zu Italien und seiner Küche teilten? In meinem Blog sollte es vornehmlich um kleine Geschichten rund um mein Alltagsleben gehen, "gewürzt" mit Rezepten aus den verschiedenen Regionen. Aufräumen wollten ich auch mit Klischees, denn mal so unter uns: Gibt es ein Land, das - im Guten wie im Schlechten - mehr mit Allgemeinplätzen zu kämpfen hat als Italien? 

An einem dieser Wintertage sehnten wir uns nach entspannender Wärme und Wellness, und so organisierten wir uns einen Termin in einer Therme in der südlichen Toskana. Wie immer kamen wir zu spät weg aus Rom und wie immer standen wir erst einmal wieder im Stau auf dem Autobahnring und zitterten um unseren Slot. Selbst schuld, mögen jetzt einige denken, wärt ihr mal rechtzeitig losgefahren. Aber irgend was war/ist halt immer - gerade in Rom. Rund 170 Kilometer lagen vor uns für ein bisschen bezahlbares Wellness, das nicht an eine Hotelübernachtung geknüpft war. Die Römer mögen die Thermenkultur erfunden haben, aber Verhältnisse wie in Deutschland, wo jede mittlere Kleinstadt ein Spaßbad mit Saunen sein eigen nennen darf, sucht man in Italien vergebens. Natürlich kann man sich auch in Rom verwöhnen lassen, aber die an Hotels gebundenen SPAs bieten eher teure Schönheitsbehandlungen für die sehr betuchte Kundschaft an. 

Ich könnte noch heute die Stelle markieren, an der mir der Name für mein Blog einfiel. Es war auf der A1 Richtung Toskana, kurz vor der Mautstation, den ersten Stau hatten wir gerade hinter uns gelassen. Ich kontrollierte ständig die Uhr, denn die Therme hatte uns eine feste Einlasszeit mit drei Stunden Aufenthalt zugewiesen. Irgendwie musste ich über die ganze Situation schmunzeln. La dolce vita, ging es mir durch den Kopf. Alles so leicht und unbeschwert. Hat nicht jeder diese Vorstellung im Kopf, wenn er an Italien denkt? Ja, auch die Freizeit war oft etwas kompliziert zu organisieren. La dolce vita - das süße Leben. Wir würden also für ein bisschen Wellness von drei Stunden mehr als 4 Stunden (hin und zurück) im Auto fahren. Und später dann ginge es wieder Richtung Rom, was den Tag nicht gerade entspannt ausklingen lassen würde. Denn da waren wieder Kilometer auf der Autobahn zu bewältigen und danach der "ganz normale Wahnsinn" mit Staus und Chaos in Rom. Das Auto wurde dann im öffentlichen Parkhaus nahe am Vatikan geparkt, danach würden wir wieder unsere Badetaschen 20 Minuten durch die Stadt nach Hause schleppen. Inmitten der schönsten Kulisse der Welt allerdings! Im Kleinen zeigte sich hier, was ein Alltagsleben in Italien auch manchmal bedeuten konnte (auf einmal erscheint mir vieles hier in Deutschland so einfach und bequem)! Ein Leben zwischen "süß" und "bitter" - tra dolce ed amaro. Jammern auf hohem Niveau? Mitnichten. An diesem Tag rissen wir ein paar Witze über diesen Aufwand, um einmal den großen Zeh  in einer Therme in warmes Wasser tauchen zu können. Ein paar Wortspiele weiter, dann hatte ich - Heureka - die Lösung meines kleinen "Problems": Tra dolce ed amaro - so sollte mein Blog heißen! Mein Mann hatte noch ein paar Bedenken wegen des italienischen Titels - geschenkt! Dass zudem ein dolce im Italienischen eine Süßigkeit ist und ein Amaro ein Kräuterbitter, der das Essen besser verdaulich macht, erschien mir nur passend für ein Foodblog! Das versteht jeder, dafür braucht man keine Italienischkenntnisse! Wieder in Rom zurück, fuhr ich noch spät abends meinen Laptop hoch und legte mit dem nun erwählten Namen mein Blog an. 

Gleich in meinem ersten Blogpost nahm ich meine Leserinnen und Leser mit in den Süden Italiens, nach Sizilien. Rezepte und Geschichten aus fast allen Regionen Italiens sollten folgen in den darauf folgenden10 Jahren. Später kam noch Griechenland hinzu. Es reut mich nur, dass ich nie einen Beitrag aus Malta verfasst habe. Auch dort werde ich in Zukunft wohl seltener zu Gast sein. Diese drei Länder nämlich bestimmten fast drei Jahrzehnte mein Leben. Zu gerne hätte ich mein kleines Jubiläum ja noch in Rom gefeiert. Aber nun war ja alles anders gekommen. 

In den vergangenen Jahren hieß es beim jährlichen Rückblick: ein Monat - ein Blogpost. Im vergangenen Jahr war es dann leider auch etwas ruhiger geworden. Deswegen möchte ich an dieser Stelle noch einmal alle Rezepte der vergangenen Monate, die oft schwierig für mich waren, hier im Schnelldurchlauf vorstellen. 


⚜⚜⚜


Der Februar startete süß mit Faschingsgebäck. An Schmalzgebackenem mangelt es in der italienischen Küche nicht, und obwohl ich nicht gerne zum Frittiertopf greife und lieber diese Leckereien in einer Bäckerei kaufe, konnte ich doch den hausgemachten Frittelle annodate nicht widerstehen. 

Vom Dolce zu einer Vorspeise. Wie phantasievoll ein italienisches Antipasto sein kann, bewiesen die kleinen Budini di zucca. Getoppt mit einer pikanten Granola sind diese kleinen Kürbisflans fast nicht zu toppen! 

Gar so hässlich sind diese "schlecht gemachten" Spinat-Ricotta-Nocken nun auch wieder nicht. Aber ganz bescheiden nennen sie sich einfach Malfatti

Im März gab es endlich wieder Pasta auf dem Blog. Und war für eine Pasta! Leuchtend rot ziehen die Tagliatelle alle barbabietole alle Blicke auf sich. 

In den Monat April fiel das Osterfest. Auf kleinen, mit Anis aromatisierten Hefekränzen, den Pagnotelle di Pasqua, ließ es sich für die Eier gut ruhen. 

Ich packte den Frühling auf den Teller, und da durften natürlich die ersten Spargel nicht fehlen. Maltagliati con asparagi, prosciutto e burrata spielten zusammen in einem Dreamteam. 

Da war er nun, der letzte Blogpost aus Rom! Im Mai ließ ich mit einem den Umständen würdigen Klassiker der römischen Pastaküche eine Ära zu Ende gehen. Es gab Mezze maniche rigate alla gricia con i carciofi

Im Juni war Sendepause. Nichts ging mehr, denn der aufwendige Umzug, zudem in Zeiten der Pandemie und mit unserer verwirrten römischen Katze Kringel im "Gepäck", hatte meine Kraftressourcen vollständig aufgebraucht. 

In einem melancholischen Blogpost im Juli  - Arrivederci Roma - berichtete ich dann über die einschneidenden Veränderungen in unserem Leben. Selbst das Schreiben darüber tat weh. Und das tut es noch immer...

Nach Jahren wieder der erste "Sommer" - wenn man diese in jeder Hinsicht trübe Zeit so bezeichnen mag - in Deutschland. Es gibt aber auch Positives. Fast hatten wir vergessen, wie lang die Tage im "Norden" auch im Monat August noch sind. Nachdem wir erste Erfahrung mit der italienischen Gastronomie gemacht hatten, die eher enttäuschend ausfielen, holte ich mir den Süden wieder in die eigene Küche. So gab es einen sizilianisch angehauchten Polpettone ai pistacchi.

Es war spannend, die ganzen italienischen Händler abzuklappern, auch wenn das Angebot oft enttäuschte. Aber meine Quellen für rote Zwiebeln aus Tropea hatte ich unterdessen gefunden.  Im September schmuggelte ich diese Königin aller Zwiebeln in frittierte Calzoncelli alle cipolle di Tropea. Streetfood vom Feinsten!  

Italienisches und Französisches - Sommerliches und Winterliches - vereinigte sich im Oktober auf dem Teller: Polenta gratinata con ratatouille.

Eine Augenweide sind für mich diese feinen Sformatini di parmigiano con composta di fichi. Fast ein Angeber-Antipasto: Viel Schein und wenig Aufwand. 

Einen herzhaften Snack für alle Homeoffice-Geschädigten servierte ich im November. Hauchdünnes Pane Carasau wickelte sich um Zutaten, die nach Süden schmecken. Wer träumt in diesem Monat nicht von Stränden wie denen rund um Sardinien? 

Endlich nahte meine geliebte Advents- und Weihnachtszeit! Plätzchenbacken stand im Dezember auf dem Programm, und wie im jedem Jahr musste natürlich auch etwas Italienisches mit auf den Plätzchenteller. Die Caprilù weckten viele Erinnerungen an Capri.

Der erste Blogpost in neuem Jahr, der letzte im alten Blogjahr: Im Januar gab es gefüllte Pasta - und ich glaube, die Ravioli di cipolle con fonduta di Taleggio sind schon jetzt meine neuen Lieblinge. 


⚜⚜⚜


Meine Lieben, danke fürs Lesen und danke für Eure Treue!

Ich wünsche Euch weiterhin viele Genussmomente, vor allem aber bleibt gesund!





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