Freitag, 24. Februar 2012

Streifzüge durch den Bauch von Palermo - Die Märkte " Vucciria" und "Ballarò"

Der Maler Renato Guttuso (1911 - 1987) machte den Markt unsterblich. Sein Gemälde "La vucciria" aus dem Jahr 1974 gilt als das bekannteste Werk des sizilianischen Künstlers, das in starken, leuchtenden Farben die Atmosphäre des Marktes widergibt. Seine Meisterschaft in der Stillebenmalerei, der er sich in einer Schaffensperiode gewidmet hatte, ist in der Detailgenauigkeit deutlich zu erkennen, doch steht hier im Mittelpunkt die Begegnung eines Mannes und einer Frau, die sofort die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht und inmitten des Gewusels von Gemüse, blutigen Fleischstücken und grellen Lampen einen ruhigen Pol bildet.








Immer wenn ich mich auch nur für wenige Tage in Palermo aufhalte, führt mich mein Weg dorthin. Inmitten des Marktes fühle ich mich in das Bild hineinversetzt. Rechts und links locken üppige Berge von Gemüse, Käselaibe, halbe Schweine und Plastikschalen mit Gewürzen. Bei meinem jüngsten  Spaziergang durch die Stadt nieselte es, der Himmel war verschleiert, und wie auf dem berühmten Gemälde beleuchteten grelle Lampen die überdeckten Auslagen.

 
Im Februar verirren sich nur wenige Touristen in das Marktviertel. Aber auch zu anderen Jahreszeiten bleibt der Eindruck einer Ursprünglichkeit, die nicht nach aussen kokettiert. Hier wird das verkauft, was man täglich in der Küche braucht! Wie weit entfernt ist doch dieser Ort von einem Markt wie dem römischen Campo de' fiori, der so tief gesunken ist, dass er schon Fußballtrikots verkauft, sonst aber wenig Wert auf die Qualität des überteuerten Gemüse legt!
Ursprünglich war dieser Markt zum Verkauf von Fleisch bestimmt. Der Name geht zurück auf die französische Bezeichnung für Fleischerei -  " Boucherie". Daraus wurde dann "Bucceria", schließlich "Vucciria". So heruntergekommen das Viertel auf den ersten Blick auch scheint, befanden sich dort im 18. Jahrhundert auch zahlreiche Adelspaläste, deren verfallende Fassaden die einstige Pracht noch erahnen lassen.
Hungrig bleiben muß niemand, der dort einkaufen geht. Als kleine Stärkung zwischendurch wird auf der kleinen Piazza an einem Ende des Marktes das typische "Streetfood" von Palermo zubereitet und verkauft.  "Pane Ca' Meusa"  heißt der sizilianische "Hamburger"  und besteht aus einem weichen Sesambrötchen, das mit in großen Pfannen gerösteten Milzstückchen sowie geriebenem  Caciocavallo gefüllt wird.


"Nicht nur fotografieren, sondern probieren!" rief der über dem dampfenden Topf werkelnde - und telefonierende - Mann mir amüsiert zu, als ich ihn fragte, ob ich ein Foto schiessen dürfe. Auf dieses Milzbrötchen hatte ich allerdings wenig Lust und lehnte dankend ab. Dieses einstige Arme-Leute-Essen hat mittlerweile Einzug gehalten in so manchen Traditionsrestaurants von Palermo, wie der Antica Focacceria S. Francesco


Am Abend belebt sich das Marktviertel noch einmal auf seine ganz eigene süditalienische Weise. Selbst im Februar werden Plastikstühle auf die Piazza gerückt, und man sitzt noch bis in die Nacht zusammen.


Einer der ältesten Märkte von Palermo ist allerdings "Ballarò".  Er ist benannt nach einem Städtchen in der Nähe von Monreale bei Palermo, wo einst arabische Händler ansässig waren. Andere Quellen wiederum sagen, er sei nach einem indischen Herrscher benannt. Was immer auch stimmen mag, eindeutig verlassen wir hier gefühlt den europäischen Boden und begeben uns in die Atmosphäre nordafrikanischer Bazare.
Gleich zu Beginn des ziemlich ausgedehnten Marktes lockt auch wieder typisch sizilianisches Strassenessen. Ein Händler bereitet "Panelle" zu, kleine frittierte Kichererbsenmehlfladen, die in die Brötchen gepackt werden.



Auf diesem Markt zeigt sich die ganze überbordende Fruchtbarkeit des sizilianischen Bodens. Ich tauche ein in ein Gewirr aus Farben, Düften und dem fremdartigen Singsang der Händler - die sogenannte "Abbaniata" -, das ständig sich wiederholende Anpreisen der Waren, ihrer Frische und der guten Preise.



Nie zuvor habe ich einen solch prächtigen hellgrünen Blumenkohl gesehen.



Eine reiche Auswahl an Oliven und getrockenen Tomaten sowie lose verkaufte Gewürze bereichern die Marktstände.




Protagonisten bei der Gemüseparade sind natürlich die Tomaten aus der Frühernte auf Sizilien, aber auch die von mir bereits mehrfach erwähnten und heißgeliebten Tarocco-Orangen. Erstaunlich ist aber auch das Angebot an den verschiedenen Kohlsorten wie etwa dem Broccolo Siciliano, der durch seine Größe auffällt. In Rom bekomme ich dagegen nur kümmerliche Gewächse.


Sehr viel zarter und kleiner sind dagegen die Artischocken, die zum Teil noch mit ihren Stengeln verkauft werden.





Leider zeigt bei meinem Gang entlang der Verkaufsstände ein Blick in die Seitenstrassen die ganze Misere einer an Geschichte und glanzvoller Vergangenheit so reichen Stadt.



Jahrelange Mißwirtschaft und organisiertes Verbrechen haben Spuren hinterlassen. Noch heute gibt es in der Altstadt Strassenzüge, die seit der Bombadierung 1943 so gut wie unverändert blieben. Mitten in der Stadt stehen Ruinen, leere Häuser, denen man ansieht, dass sie einstmals prächtige Palazzi waren.


Weiter folge ich der Marktstrasse, die zu einer heruntergekommenen Kirche hinführt, um sich dann zu einem Platz hin zu öffen, auf dem in den Ruinen die Ware verkauft wird.






Wieder einmal sehe ich bei meinem Spaziergang die "bitteren" Seiten des sogenannten Mezzogiorno, des italienischen Südens, und dazu eines Landes, das Synonym für die "Dolce Vita" ist, obwohl auch der gleichnamige Film von Fellini nur nach dem vergeblichen Streben nach dem süßen Leben erzählt.
Die Atmosphäre in einigen Vierteln von Städten wie Palermo oder - ganz schlimm - auch Neapel ist zum Teil derart deprimierend, dass ich mich so manches mal sofort an einen anderen Ort wünsche. Fast spüre ich alles Elend körperlich.

Von manch bröckelnder Fassade sollte man sich allerdings auch nicht täuschen lassen, herrscht dahinter zum Teil purer Luxus. Wir waren in einem solchen, von aussen unansehnlichen Palazzo vor ein paar Jahren zu einem privaten Mittagessen bei Bekannten eingeladen. Seit Ende des letzten Krieges war das Haus wohl aussen nicht mehr renoviert worden, auch der Innenhof schien heruntergekommen, aber drinnen öffneten dann Angestellte im Livree mit weißen Handschuhen die Tür und führten uns in freskierte Säle. Es scheint, als störe die Bewohner das "Draussen" nicht, nur der private Bereich ist gepflegt und oft sehr elegant. "Draussen" - das war auch Jahrhunderte lange Fremdherrschaft und Gängelung, all das sollte man wissen, wenn man als Mittel- und Nordeuropäer versucht ist, abschätzig über so viel Verfall und Nachlässigkeit die Nase zu rümpfen.

Diese kleine Überleitung soll nun abschliessend noch zu einem Restauranttipp führen, denn ich möchte den Bericht mit einer positivem Ausblick beenden.
In dem herrlichen Palazzo Valguarnera-Gangi aus dem 18. Jahrhundert, in dem Visconti die berühmte Ballszene aus dem "Leoparden" gedreht hat, ist die Osteria dei Vespri untergebracht.


Die Bezeichnung "Osteria" täuscht. In dem kleinen Lokal im Bistro-Stil gibt es gehobene, bis in kleinste Detail gepflegte Restaurantküche sowie eine gigantische Weinkarte. Seit unserem letzten Besuch hat sich die Küche noch gesteigert.





 Osteria dei Vespri 
 Piazza Croce dei Vespri, 6
 Palermo
 Tel: 091 6171631 



♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Kommentare:

  1. Da kommen Erinnerungen hoch. Auch wir waren vor Jahren in Palermo und speziell auf der Vucciria.
    Leider haben wir diese Osteria nicht gefunden.

    Aber die Aussage über den Luxus in manchen heruntergekommenen Palazzo kann ich zustimmen.
    Hier unser damaliges Hotel, das vor 10 Jahren schon fantastisch und bezahlbar war.
    http://www.centralepalacehotel.it/

    Wenn man aus dem Zimmer in den Hof schaute, gab es Armut en masse, leider. :-(

    LG B.

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  2. Dein Link zeigt diese typische Pracht im Innern dieser sizilianischen Palazzi. Wir dagegen waren meist in der Villa Igiea, einem Hotel, das im Innnern ganz im Jugendstil ausgestattet ist. Mich macht dieser Stil ja etwas schwermütig; die Atmosphäre gleicht der in einem Lungensanatorium. Jetzt haben wir ein neues Hotel im Zentrum entdeckt: Grand Hotel Piazza Borse. Von dort aus kann man gut die Innenstadt von Palermo erkunden.
    Die Osteria liegt nur ca. 10-15 Minuten zu Fuß von der Vucciria entfernt. Ein Besuch lohnt wirklich.
    Es freut mich, wenn ich Erinnerungen wecken konnte!
    LG Ariane

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  3. Hallo,
    ein interessanter Reisebericht mit gelungenen Bildern, schön
    Gruß Wolfgang

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    1. Danke, Wolfgang, es freut mich, wenn es Dir gefällt.
      LG Ariane

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  4. ja, auch ich finde diesen Bericht schön und vor allem animierend, wir müssen doch mal schauen, daß wir endlich hinkommen!!!

    LG
    chala

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    1. Das freut mich, wenn der Bericht die Reiselust entfacht hat!
      LG Ariane

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  5. Dein Bericht macht Appetit auf Sizilien. Bitte weiter so !!!
    Jedenfalls weiß ich jetzt schon wohin mich mein nächster Italienurlaub führen wird.

    LG Crazy

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    1. Hallo Heinz, da kam Dein Kommentar gleich zweimal, habe einen gelöscht, da identisch. Auf jeden Fall freut es mich, wenn der Appetit gemacht hat :-))!
      LG Ariane

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  6. Ein wirklich toller Bericht und die Fotos sind einfach toll! Da bekomme ich sofort Fernweh.... :)

    Mit einem lieben Gruß,
    Sarah Maria

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    1. Vielleicht ja wirklich eine Idee für Deinen nächsten Urlaub, liebe Sarah-Maria?:-))
      LG Ariane

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  7. Irgendwann schaffe ich es noch, im Februar nach Palermo und Sizilien zu fahren.

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    1. Ein bißchen später im Jahr ist es aber schöner - und vor allem wärmer :-)). Dann blüht alles, und man kann abends auf den Plätzen sitzen.
      Saluti Ariane

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  8. Ich habe den Kommentar nicht von zuhause abgeschickt. Das Netz dort war nicht sehr stabil und ich hatte keine Rückmeldung beim ersten Mal, so dass ich erneut den Text absetzte. Vielleicht war ich ja zu ungeduldig. Leider verifiziert AOL von hier aus Deine Seite nicht, deshalb erscheint mein Antwort jetzt als Anonym

    LG Heinz

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    1. Ist doch überhaupt kein Problem, Heinz! Tja die Technik...Es hat mich doch in erster Linie gefreut, dass mein Bericht Dir gefallen hat!
      LG Ariane

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  9. Wunderschön ist dieser Bericht und macht wirklich Lust, mal wieder dorthin zu fahren. Bei uns ist es ja schon ein ganzes Weilchen her, seit wir das letzte Mal in Sizilien waren - damals hätte ich Deine Tipps gut gebrauchen können... LG Elvira

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    1. Es freut mich, wenn es Eure Reiselust geweckt hat!
      Saluti Ariane

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