Sonntag, 22. November 2020

In den Fußstapfen von liebevollen Köchinnen: Lo spezzatino di vitello della nonna



Wenn man über die italienische Küche liest, hat auch in den Rezepten seit ein paar Jahren im deutschen Sprachraum die "Nonna" die vormals so oft zitierte italienische "Mama" (richtig: Mamma) abgelöst. Zu wissen, dass Großmütter in Italien "Nonnas" heißen, (richtig im Plural: nonne - das hat nichts mit Nonnen zu tun, das sind die monache oder auch suore), verheißt wahre Kennerschaft. Viele italienische Gerichte werden mit "a la Nonna" (im Italienischen richtig: alla nonna  - und dann ein Eigenname wie alla nonna Rosa - oder auch ganz allgemein della nonna) präsentiert. Der Gipfel ist es dann, wenn in einem aktuellen Artikel einer deutschen Tageszeitung über die Folgen des Coronavirus in Italien sowohl die Mamma als auch die Nonna irgendwie im Text untergebracht werden mussten. Das wirkt authentisch und irgendwie aus dem Leben gegriffen, dachte sich wohl jedenfalls der Autor. Natürlich ging es auch da ums Essen und Essengehen.

So richtig in die Klischeekiste zu greifen, verheißt oft unmittelbaren Erfolg und Aufmerksamkeit bei der italophilen Leserschaft. Dass man jetzt öfters von der italienischen Oma-Küche spricht ist im Kern aber gar nicht mal so falsch. In dieser Generation wurde sicher noch öfters, aufwendiger und mit Liebe gekocht. Als ich bei meinem Lieblingsfeinkosthändler am Campo de' fiori mal über ein Rezept sprach, meinte der Angestellte nur: "Signora, heute kocht doch niemand mehr!"







Auch das will ich nicht unwidersprochen stehen lassen. Der Feinkostladen befindet sich nun mal in einem Viertel, in dem man oft kochen lässt. Auch wenn bei einem Rombesuch ein Freund unseres Neffen, der bei uns zum Abendessen eingeladen war, erschrocken meinte, dass wir ja leider in einem  - Zitat - "prekären Stadtteil" wohnten. Hinter den verwitterten Fassaden verbergen sich  nur allzu oft prächtigste Wohnungen. Das kann man natürlich nicht wissen, wenn man im grünen Gürtel von München wohnt und das Häuschen mit Garten und Garage das Maß aller Dinge ist. Wir mussten damals so schmunzeln, und dieses Gespräch wurde zu einer persönlichen Anekdote, die wir immer wieder gerne erzählen. 

Zum Status-Symbol in den begehrten Vierteln italienischer Städte - so auch in unserem "prekären" -  gehören oft das Hausmädchen oder der "Filippino", letzterer muss spätestens bei Einladungen im weißen Livree auftreten. Da müssen die Angestellten dann einkaufen gehen und für die Familie kochen. Das mag in den sogenannten Quartieri popolari von Rom - den oft am Stadtrand gelegenen Wohnvierteln, die auch soziale Brennpunkte darstellen - wieder ganz anders aussehen. Und dann gibt es natürlich noch irgendwas dazwischen...

Pasta selber machen, auch da wurde ich ernüchtert: Vor ein paar Jahren habe ich auf einem von einem Pastaproduzenten veranstalteten Event mit Frauen über Pasta reden können. Pasta selber machen? Das war kein Thema und wurde fast entschuldigend von sich gewiesen. Bei einer wunderschönen privaten Einladung unter befreundeten Weinproduzenten in der Toskana, die wahrlich schon vom Ambiente her einem Werbefilm glich, wurde am Tisch beim Abendessen - zubereitet von einem professionellen Koch - auch diese Frage diskutiert. "Ragazze (Mädels)", meinte die Signora des Hauses, "mal ehrlich, wer macht denn heute noch Pasta selbst?" Ich, als einzige Nicht-Italienerin unter den Gästen, habe -  zusammen mit einem männlichen Tischnachbarn, für den Kochen wohl ein Hobby darstellte - als einzige schüchtern den Finger gehoben. 

Aber jetzt zu einem Rezept, das - will man der Zeitschrift Cucina Italiana glauben - ganz in der Tradition der Cucina Casalinga, der Hausfrauenküche, steht. Mit diesem winterlichen Rezept, so heißt es im Newsletter der Zeitschrift, tritt man in die Fußstapfen der liebevollsten Köchin, die es auf der Welt gibt, in die der Nonna!




Zutaten und Zubereitung
(für 3 Personen)



  • 800 g Kalbfleisch aus der Hüfte, in Würfel geschnitten
  • 2 große Zwiebeln
  • 1 große Karotte
  • 2 Stangen Sellerie
  • 1 Knoblauchzehe
  • 2 Lorbeerblätter
  • Salz
  • ein paar Pfefferkörner
  • ein paar Wacholderbeeren
  • ca. 700 ml trockener Weißwein
  • ca 1/2 Liter Gemüsefond oder Brühe (selbstgemacht)
  • Olivenöl extra vergine



Am Vortag das Fleisch mit der in Scheiben geschnittenen Karotte und Selleriestangen, der in Würfel geschnittenen Zwiebel mit der Hälfte des Weins in eine Schüssel geben. Die Lorbeerblättern sowie in einem Gewürzsäckchen die angedrückten Wacholderbeeren und die Pfefferkörner hinzufügen.
Über Nacht marinieren lassen.

Am Folgetag das Fleisch mit dem Gemüse abgießen - dabei die Marinade wegschütten.
Fleischstücke vom Gemüse trennen und trockentupfen. 

In einem Bräter Olivenöl erhitzen und die Fleischstücke darin scharf anbraten. Dann aus dem Topf nehmen.
Das aufgefangene Gemüse mit der restlichen, in Würfel geschnittenen Zwiebel in den Topf geben und anrösten. Leicht salzen. Das Gemüse sollte Farbe annehmen, dann mit dem restlichen Wein ablöschen und diesen einreduzieren. Das Fleisch hinzugeben und soviel Gemüsefond angießen, bis alles gerade bedeckt ist.
Den Deckel aufsetzen und das Fleisch ca. 2 Stunden bei kleiner mit mittlerer Hitze schmoren. Eventuell noch etwas Fond (oder Brühe) nachgießen und mit Salz abschmecken.

Dazu passt Kartoffelpüree. 





Kommentare:

  1. Auf den Punkt gebracht. Es macht mir immer wieder Freude, deine Zeilen zu lesen. Besonders, wenn viele Irrtümer endlich mal wieder gerade gerückt werden, die ach so viele "Italienkenner" oftmals so von sich geben. Das Rezept ist auf meiner "to-do-list" gelandet.

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    1. Danke, liebe Ute, für Deine Zustimmung. Du kennst ja - selbst in Italien lebend - nur allzu gut einige Realitäten und Irrtümer. :-)

      Saluti
      Ariane

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  2. Bei uns gab es vorhin das m. E. authentischste schwäbische Gericht, nämlich selbstgemachte Herrgottsb’scheißerle, auf gut Deutsch Maultaschen mit gebratenen Zwiebeln und Feldsalat (dem ersten in diesem Herbst aus dem eigenen Garten) und eigentlich bin ich ja überhaupt nicht mehr hungrig, aber beim Lesen Deines Rezeptes ist mir sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammengelaufen. Und was mach‘ ich da jetzt, seufz??? Na ja,was wohl? Ausharren bis morgen, die Zutaten kaufen, kochen und dann abends genießen – bis dahin werde ich es hoffentlich aushalten…

    Ansonsten sprichst Du mir mit Deinen Zeilen mal wieder aus der Seele und dem kann man auch gar nichts hinzufügen, außer vielleicht „evviva le nonne“!

    Passt auf Euch auf in diesen unruhigen Zeiten und ganz herzliche Grüße von
    Elvira und Don A.

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    1. Hach, Maultaschen! Das läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich muss gestehen, dass ich die noch nie selbst gemacht habe.

      Noch eine Zustimmung aus Italien! Das freut mich! :-)

      Saluti - e statemi bene!
      Ariane

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    2. Also, meine Liebe, mit Deinem besonderen Händchen für Nudelteige dürften Maultaschen ja eigentlich keine Probleme bereiten - versuch's doch einfach mal...

      Rückmeldung in Sachen Kalbsgulasch: Es war gar köstlich!!!

      Ti abbraccio da lontano
      Elvira

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