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Sonntag, 2. Juni 2019

Der Italiener unter den Aperitivi - Negroni



Lasst uns zunächst über Aperol Spritz reden, denn heute geht es um Aperitivi!
Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass dieses leuchtend orange-rote Getränk langsam zum Latte Macchiato unter den Cocktails mutiert: Nicht-ItalienerInnen trinken ihn zur jeder Tag- und Nachtzeit - ja sogar zur Pizza am Mittag (allein das schon ein Fauxpas)! Ich übertreibe nicht; genau dieses Bild bot sich mir am gestrigen Samstagmittag unweit des Campo de'fiori; Einheimische schüttelt es dabei!
Apéritif - Aperitivo - schon im Namen steckt, für was ein Getränk oder auch ein Cocktail, der unter dieser Bezeichnung geführt wird, eigentlich gedacht ist: "Geöffnet" werden soll der Magen für die kommende Mahlzeit. Aber kann man das wirklich mit dem oft zu pappsüßen Zeug?

Gerade in Italien hat sich ja eine formvollendete Apéritif-Kultur entwickelt, denn mit der Bezeichnung Aperitivo ist nicht nur das Getränk gemeint, sondern der ganze Ritus drumherum. In Mailand etwa findet man am späten Nachmittag in einigen Bars üppig bestückte Buffets mit kleinen Häppchen, den sogenannten "Stuzzichini", vor, an denen man sich zu einem Festpreis bedienen kann. Natürlich schaufelt sich hier niemand in "All-you-can-eat-Manier" den Teller voll! Die Häppchen und das Getränk sollen nur den Appetit anregen für das, was dann beim richtigen Abendessen noch kommen soll. Seit einigen Jahren kennt man allerdings auch den Begriff  der sogenannten Apericena. Verstehen kann man darunter einen noch in jeder Beziehung ausgedehnteren Aperitivo, der eine ganze Mahlzeit am Abend ersetzen kann und sich besonders unter jungen Leuten großer Beliebtheit erfreut.






 


Zurück zum "Spritz". Was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat, hatte ich schon vor einigen Jahren in einem Blogpost erklärt. Nicht dass ich mir ab und an auch einen Aperol Spritz auf einer Piazza genehmigte, aber wiederholt blieb ich enttäuscht zurück, wobei ein Erlebnis auf einem Campo in Venedig kaum zu toppen ist. Dabei lag die Bar, die ich am späten Nachmittag ansteuerte, abseits der üblichen Touristenrouten und versprach auf den ersten Blick keinen Nepp. Schon der buchstäblich trübe Anblick des Getränks ließ Schlimmes vermuten, der erste Schluck bestätigte einen Verdacht. Als ich den Kellner höflich fragte, ob da etwa Orangenlimonade untergemischt sei, schaute er nur ziemlich ertappt drein und bot sofort an, ein neues Glas zu bringen. Ich lehnte dankend ab, bezahlte und ergriff die Flucht.

Hübsch sieht er aus, keine Frage. Fröhlich leuchtet er in den Farben eines mediterranen Sonnenuntergangs. Das bestätigte erst kürzlich auch die NewYork Times in einem Artikel, der sich kritisch über den beliebten Aperitivo ausließ - und traf dabei genau ins Orange-Rote  - äh - Schwarze. Wer jetzt noch sagt: Ist mir doch egal, ob und wann das die Italiener trinken, mir schmeckt er, der sollte sich doch einmal ernsthaft fragen, ob da der schöne Schein nicht doch etwa die Sinne vernebele. Man muss kein Prosecco-Verächter wie ich selbst sein, um sich ausrechnen zu können, welche Qualität da zum "Aufspritzen" verwendet wird. Da landet billigstes, süßes Zeug im Glas. Natürlich, es gibt hochwertigen Prosecco, auch wenn ich persönlich immer Bollicine "metodo classico" (nach Champagner-Methode hergestellter italienischer Sekt) vorziehe - ich klinge vielleicht mal wieder versnobbt. Ein eisgekühlter Prosecco kann sogar ganz nett ein sommerliches Menüs bei hohen Temperaturen begleiten. Aber ich möchte nicht wissen, was da so in den Bars ins Glas geschmuggelt wird. Da war die Orangenlimo in Venedig wahrscheinlich noch hochwertig dagegen!

Aber wenden wir uns jetzt "roba vera" - ehrlichem Stoff - zu. Die Geschichte des Negroni, eines der bekanntesten italienischen Cocktails der Rubrik Aperitivi, ist schnell erzählt: Vor genau hundert Jahren soll in Florenz ein gewisser Graf Camillo Negroni in einem Laden - halb Cafè, halb Drogerie - in der zentralen Via Tornabuoni gegenüber dem Barmann den Wunsch nach einem verschärften "Americano" geäußert haben. Er deutete angeblich auf eine Flasche Gin, der das Sodawasser ersetzen sollte. In diesem Caffè musste der Herr Graf später immer nur "Il solito" (das Übliche) bestellen, und er bekam das serviert, was für andere dann zum "Negroni" wurde.

P.S.: Zum Aperitivo bevorzuge ich meist ein anderes, leuchtend orangefarbenes Getränk ohne Alkohol, ein sogenannter "analcolico". "Ein nicht-alkoholischer Blonder, der die Welt verrückt macht", so verspricht es der Slogan. Aber das ist eine andere Geschichte.





Zutaten
(pro Glas)



  • 2 cl Campari
  • 2 cl Vermouth (rot)
  • 2 cl Gin
  • 1/2 Orangenscheibe
  • Eiswürfel
  • Glas: Tumbler




Das Glas eventuell mit Eiswürfeln vorkühlen. Dann frische Eiswürfel in das Glas füllen undCampari, Vermouth und Gin darübergießen. Eine halbe Orangenscheibe dazugeben.




Freitag, 10. August 2018

Ein Rezept gegen den Augustblues: Frozen Yogurt mit Himbeeren, Pistazien und Meringue




Es sind wieder jene langen heißen Augusttage, die mich in melancholische Stimmung versetzen. War dieser Monat, als ich noch in Deutschland lebte, paradoxerweiser der Sommermonat schlechthin, der mich schon als Kind in Hochstimmung versetzte, ahne ich mit den Jahren vermehrt das nahende Ende der Jahreszeit. Der August, das bedeutet bei der Hochsommerhitze  aber auch, dass man "drinnen" lebt. Die Wohnung ist zwar klimatisiert, trotzdem bleiben viele Fensterläden schlossen. Es ist in der Vorstellung für mich mittlerweile auch eine "dunkler" Monat: Draußen gleißendes Licht - drinnen das stille Halbdunkel. Könnt Ihr die Atmosphäre nachvollziehen?
Am letzten Tag im August kommt noch mein Geburtstag hinzu, und das Verhältnis zu diesem Ereignis verändert sich wohl  auch mit zunehmendem Lebensalter; man wird eben nachdenklicher. Wenn ich dann am 1. September aufwache, erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich ich September morn von Neil Diamond summe. Ich sehe fallendes Laub, denke mit Grausen daran, dass Strümpfe in Kürze wieder zum Einsatz kommen und meine Sommerkleider in den Schrank verbannt werden. Die Jahreszeit, die für mich weder Fisch noch Fleisch ist, steht bevor! Ich mag es doch entweder heiß oder richtig winterlich! Hier in Italien legt sich aber diese Herbststimmung wieder nach ein paar Tagen, denn der Sommer ist noch lange nicht vorüber. Warum nur falle ich immer wieder mit dem Anbrechen des 1. September auf diese Vorstellungen herein?
Wirklich alles paradox das Ganze!

Aber zurück in den August! Wir gehören zu jenen, die den August in der Stadt verbringen, während viele ans Meer, in die Berge oder eben ihre aktuellen Urlaubsorte fliehen, wo vielfach dann auch das römische Chaos mitreist. Der Stau ist dann eben nicht mehr den Lungotevere entlang, sondern erwacht in irgendeinem Ort an der Küste zu neuem Leben - nein, danke! Man spricht in diesem Zusammenhang gerne von "fliehen", denn in Zeiten ohne Klimaanlage war die Hitze für viele wohl kaum auszuhalten.
Ich kann mich an meine ersten Sommer in Rom erinnern, und besonders an die Augusttage. Das alles war noch vor dem Ansturm von Touristen in den vergangenen Jahren, der die Stadt gefühlt 12 Monate in seinem Würgegriff hält.
Noch in den neunziger Jahren war alles anders. Die Stadt war "tot"! Die Strassen leer, die Geschäfte geschlossen oder nur im Turnus geöffnet. Ich ging die Strasse, in der wir wohnen, entlang und kam mir vor wie in einer Geisterstadt - ja ich fand es direkt unheimlich! An manchen Tagen, wenn ich alleine unterwegs war, nahm ich sogar andere, durch ein wenig Autoverkehr belebtere Wege. Gut kann ich mich noch an eine zierliche ältere Dame erinnern, die mich ganz verzweifelt auf der Strasse ansprach, ob ich denn noch eine offene Bäckerei wüsste. Gerade älteren und alleinstehenden Menschen, die nicht mit den Familien abgereist waren, ging es oft richtig schlecht. Die Supermärkte, die in den Nullerjahren überall aus dem Boden schossen, gab es damals noch nicht.





Noch immer müssen wir uns im August ein wenig "organisieren". Gerade in der bevorstehenden "Ferragosto"-Woche bleiben viele Läden, wie zum Beispiel Metzgereien, geschlossen, die sonst im August wenigstens am Vormittag noch geöffnet sind. Fleisch wird also auf Vorrat eingefroren. Der Markt verkauft zunehmend nur noch Touristenkitsch; auch das Gemüse macht "Urlaub". Schnell habe ich noch das Lieblingsfutter für Kringel besorgt, das es in den Supermärkten nicht gibt.
Zurückgebliebene tun sich zusammen; gestern waren wir mit ein paar Journalisten und Diplomaten auf einer "Stallwächterparty" auf einer schönen, luftigen Terrasse hoch über den Dächern von Rom.Viele erzählten dort, wie sehr sie die ruhigere Stimmung in der Stadt schätzten. Das sind Moment, in denen die Melancholie ein wenig schwindet...






Gegen trübe Stimmung hilft allerdings auch ein Dolce, das so richtig nach Sommer schmeckt wie diese Frozen-Yogurt-Kreation. Dieses Eisdessert ist blitzschnell zubereitet, und man braucht dafür nicht einmal eine Eismaschine. Allerdings etwas Geduld, bevor man endlich den Löffel darin versenken darf.





Zutaten
(für 8 Personen und eine Kastenkuchenform von ca. 750 ml Inhalt)



  • 600 g griechischer Joghurt
  • 1 Tube gesüßte Kondensmilch (170 g)
  • 5 El Zitrusblütenhonig (ersatzweise Akazienhonig)
  • 30 g Pistazien, grob gehackt
  • 20 g Meringue (Baisers), grob zerbröselt
  • 125 g Himbeeren


  • Himbeeren, Pistazien und Meringue für die Dekoration


Den Joghurt mit der Kondensmilch und dem Honig glattrühren. Dann vorsichtig die Himbeeren, die Meringue und die Pistazien unterheben.
Die Kuchenform mit Backpapier auslegen und die Joghurtmasse hineinfüllen. Diese mit Folie gut verschließen und für mindestens 6 Stunden in das Gefrierfach geben.
Vor dem Servieren kurz in heißes Wasser tauchen, stürzen, Papier abziehen und mit Himbeeren, Pistazien und Meringue-Stückchen garnieren. In Scheiben schneiden.

Nach einer Idee aus SALE&PEPE, August 2018

Wollt Ihr noch mehr über die August-Stimmung in Rom lesen - so, wie wir den Monat oft erleben? Dann schaut mal hier.


Montag, 26. Februar 2018

Roma, città magica sotto la neve - kurz: es hat geschneit!



Ja, es hat tatsächlich wieder geschneit! Sicher ist Schnee für viele keine Sensationsnachricht, aber wenn Rom überzuckert wird, der Schnee die Ewige Stadt in magisches Weiß hüllt, dann ist das zumindest für "uns" Römer spektakulär. Die Sonne arbeitete sich Vormittag durch die Wolkendecke hindurch, und die Stadt fing an zu glitzern, als ein Wind Schneeflöckchen von den Pinien wehte; es sah zauberhaft aus!

Vor sechs Jahren lag zuletzt soviel Schnee in Rom; in einem meiner ersten Blogposts - Weiße Mützchen für die Monster - hatte ich darüber berichtet.
Heute gibt es an dieser Stelle nichts zu essen, aber Ihr dürft Euch gerne an den Bildern sattsehen!
Bevor der Zauber wieder dahinschmilzt...



























♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Montag, 1. Dezember 2014

La Corona di Avvento - oder: Was in Rom ein echter Adventskranz mit dem iPhone gemein hat


Kebo von Kebo Homing, ein Blog, der mich immer wieder wegen seiner minimalistische Ästhetik begeistert, möchte in diesem Jahr unsere Adventskränze sehen. Beim Anblick von Kebos Fotos auf ihrem Blog breitet sich in mir oft eine Ruhe aus, die den Alltag für ein paar Augenblicke vergessen lässt - so schlicht, so schön! Wie auch ihr Adventskranz.
Fast schäme ich mich ein wenig, meinen Adventskranz hier zu zeigen, denn Kebos Vorgabe besticht wieder einmal durch seine puristische Eleganz.
Aber zumindest kann ich zum Thema Adventskranz einiges erzählen.
Jahrelang begann nämlich ab Mitte November bei mir der "Adventskranz-Stress", und zwar mit der Frage: Komme ich denn vor Weihnachten, genauer vor dem 1. Advent, noch einmal nach Deutschland? Denn in der alten Heimat wurden nicht nur die Zutaten für meine Weihnachtsbäckerei zusammengesucht, sondern eben auch die zu schmückenden Kränze (und Adventskalender, mit ganz viel Glitzer; da bin ich immer noch Kind!). Und ein Kranz muss es - wie auch bei  Kebo - schon sein, bei dieser Tradition bin ich nämlich sehr konservativ! So werden noch immer zwei Kränze besorgt, einer für die Kerzen, und ein zweiter, der mit schlichter Dekoration vor die Haustür gehängt wird. 
Die deutschen Kirchengemeinden in Rom, die evangelische wie die katholische, verkaufen zwar auf ihren vorweihnachtlichen Basaren auch Adventskränze, aber das läuft ab wie vor dem Erscheinen einen neuen iPhones: Man muss wohl die Nacht vor den Kirchen kampieren, um noch einen zu ergattern.
In Italien war der Kranz vor Jahren noch völlig unbekannt. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Brauch eigentlich in der evangelischen Tradition verankert ist. Der Hamburger Pfarrer Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der sich Kindern aus ärmlichen Verhältnissen annahm, bastelte diesen mit ursprünglich 24 Kerzen geschmückten Kranz, um den Kindern, die Weihnachten kaum erwarten konnten und immer wieder danach fragten, wann es denn soweit sei, aus einem Wagenrad eine Art Kalender.* 
Einmal beschrieb ich in einem Blumenladen den Kranz. Kein Problem, meinte der Verkäufer, er fertige mir einen an! Am Tag darauf stand ich da, mit einer Art Trauergebinde in der Hand: Ein riesiges, struppeliges Etwas, das sich kaum bändigen, geschweige denn dekorieren ließ. Schwer atmend schleppte ich es nach Hause und wuchtete es auf den Tisch. 
Oft ließ ich mir, wenn es sich ergab, zwei Kränze von Besuchern aus Deutschland mitbringen. Eine Freundin vor mir, die an einem Novembertag vor Jahren mit dem Flieger nach Rom gekommen war, musste die Kränze während des Fluges auf dem Schoss balancieren - unter den verwunderten Blicken sowohl der deutschen als auch der italienischen Passagiere. 
Mittlerweile gibt es Adventskränze in verschiedenen Größen auf dem Campo de’fiori zu kaufen – und zwar echte! Warum die Italiener so einen Faible für falsche Weihnachtsbäume etc. habe, erschließt sich mir auch nach Jahren noch nicht. Ist Italien für mich doch auch das Land der Mode, der Kunst und des Designs. 
Nur die Bedeutung der Kränze ist auch unseren italienischen Freunden, die oft beruflich in der ganzen Welt herumgekommen sind, noch immer unbekannt. Warum ich denn nicht alle Kerzen angezündet hätte, meinte eine italienische Freundin bei einem Abendessen während der Adventszeit  verwundert und griff nach Streichzölzern. Ob sie es für mich tun könne.
In Kürze beginnt übrigens die Suche nach einem Weihnachtsbaum, nach einem echten...

*Quelle: Wikipedia

♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Freitag, 20. Juni 2014

Ciao Emma!

Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit dieser Entscheidung!
Nach mehreren Telefonaten mit dem italienischen Vogelschutzbund Lipu habe ich mich mit einer Nachbarin geeinigt, die kleine Möwe Emma, wie vorgeschlagen, an das Tiberufer zu bringen. "La Baronessa", unsere andere Nachbarin, war zunächst dagegen, der Vogel hätte doch alles: Futter und Wasser.
Was die kleine Möwe aber nicht hatte, war ihre Freiheit. Und die Gesellschaft anderer Möwen, die sie dringend für die weitere Sozialisation in einer Möwenkolonie brauchte! Schließlich ist eine Möwe ja kein Huhn, das man in einem eingeschränkten Bereich unbegrenzt halten kann!
Groß genug war Emma ja schon, als wir sie im dem Topf gefunden hatte - ich hatte hier davon berichtet -, längst kein kleines Küken mehr, aber die kleine Möwe vegetierte die vergangenen Tage mehr oder weniger in einer an den Garten angeschlossen, stets geöffneten Garage vor sich hin. Nicht gerade ein geeigneter Platz für Flugversuche, ja es schien uns auch unmöglich, dass sie irgendwann aus dem Innenhof in den Himmel starten könne. Sie war zutraulich geworden, wenn ich sie fütterte, und hätte mir sicher auch aus der Hand gefressen. Dann traute sie sich aus der Garage hervor, ging ein wenig im Garten spazieren, zog sich dann aber wieder in die dunkle, schützende Umgebung zurück.
Zweimal schon war auch die Nachbarskatze aus der Wohnung ausgebüchst und hatte Emma doch einen gehörigen Schreck eingejagt. Glücklicherweise ist nichts passiert, aber auf die Dauer wäre das sicher nicht gutgegangen!



Dann also am späten Nachmittag, während die Strassen wegen des Fussballspiels erstaunlich menschenarm waren, zum Tiberufer. Emma hatten wir in den Katzenkäfig verfrachtet, nachdem ich sie vorher noch etwas gefüttert hatte.
Wir haben Emma dann, wie Lipu es geraten hatte, ungefähr 100 Meter Luftlinie entfernt von unserem Palazzo freigelassen. Mir war das Herz mittlerweile ziemlich schwer geworden. Ich habe noch etwas Hackfleisch in der Nähe in einem Gestrüpp deponiert.
Das saß sie nun, und ja, ich war sehr besorgt, wie es denn mit ihr nun weitergehen sollte. War es die richtige, dem Tier angemessene Entscheidung? War es noch zu früh dafür?
Wird Emma Futter finden, werden andere Möwen sie nicht verjagen?
Trotzdem denke ich, es war an der Zeit, ihr ihre Freiheit zu schenken! Außerdem hatten wir ja die Experten konsultiert.
Wir gingen dann wieder die Treppen zum Lungotevere hinauf, der Strasse, die oberhalb des Tibers entlangläuft, und liefen dem Punkt oberhalb der Stelle, wo wir sie ausgesetzt (welch schreckliches Wort!) hatten. Dann blickte ich hinunter, da saß sie noch, und als ob sie auf diesen Augenblick gewartet hätte, spreizte sie auf einmal ihre Flügel - und flog viele Meter über den Tiber hinweg davon, landete schließlich auf dem Wasser und schaukelte auf der Oberfläche, ließ sich treiben...
Ciao Emma, mach's gut, werde groß und stark und eine prächtige Möwe!



♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Donnerstag, 1. August 2013

Jetzt fängt er erst an!



Gestern Abend meinte mein Mann: "Wann ist der Sommer nur endlich vorbei?!"
Nun, wenn man so die Temperaturen sieht und spürt, dann kann man sagen, dass der Sommer wohl jetzt erst richtig anfängt!
Ein bisschen kann ich meinen Mann ja schon verstehen, auch wenn ich den Sommer liebe. Italien, Sommer, Sonne, Meer  - alles schön und gut. Italien ist halt ein klassisches Urlaubsland. Aber wenn ich da so meinen Mann sehe, wie er jeden Tag mit Anzug und Krawatte - wir sind ja in Italien, und da wird auf so etwas Wert gelegt -  loszieht, dann sehe ich seine Qualen. Gestern Abend musste er dann noch nach einem langen Arbeitstag den letzten Zug nach Mailand nehmen, heute geht es wieder zurück. Und Urlaub ist noch lange nicht in Sicht!
Es ist nicht so, dass ich nicht langsam auch unter dieser drückenden Hitze, die in der Stadt herrscht, zu leiden anfange. Das Einkaufen fällt mir schon schwer, die zum Teil langen Fussmärsche unter glühender Sonne, darüber hinaus wird es im August auch manchmal mit der Versorgung knapp - ungelogen! Oft sieht man in den Supermärkten der Innenstadt jetzt öfters mal leere Regale, und mir scheint, allein die Abteilungen mit kühlen Getränken, abgepackten Tramezzini und Keksen werden nachgefüllt, denn wenn die Römer ans Meer oder in die Berge fliehen, bleiben nur noch die Touristen in der Stadt.

Vor drei Jahren war es so heftig, was ich im August vorgefunden hatte, dass ich das unbedingt in drei verschiedenen "Supermärkten" fotografieren  musste. Das waren keine Märkte in irgendeinem Slum am Rande der Drei-Millionen-Stadt, sondern Realitäten im historischen Zentrum, das als eines der begehrtesten und auch teuersten Wohnviertel von Rom gilt.
Warum also nicht auch mal ungeschönte Bilder aus dem römischen Alltagsleben zeigen, ganz im Sinne von Tra dolce ed amaro?



Leere Regale und tote Mücken, Düngemittel neben den Zwiebeln -
und die Frühlingszwiebeln sind ja nun nicht wirklich mehr als
frisch zu bezeichnen...

Langsam, ganz langsam bessert sich die Situation auch im August etwas. Eine meiner beiden Metzgereien bleibt wenigstens vormittags den August über geöffnet, sicher aber ist auch diese um den Ferragosto herum, also dem 15. August, geschlossen. Die vielen kleinen, wenn auch nicht gut sortierten Supermärkte haben auch ihr Gutes, denn als es nur die "Alimentari"-Läden in der Innenstadt gab, die im August dann auch noch geschlossen blieben, hatten vor allem ältere, in der Stadt zurückgelassene Menschen Probleme mit dem Einkaufen. Ich kann mich gut erinnern, wie mich an einen heißen Tag vor einigen Jahren eine ganz erschöpft wirkende, ältere Dame ansprach, ob ich nicht eine noch geöffnete Bäckerei in der Nähe wüsste.

So, jetzt schnell aber wieder ein anderes Thema!
Es gab leichte Küche gestern Abend. Ich habe es mir etwas einfach gemacht, in dem ich Roastbeef-Aufschnitt kaufte, den ich gerne mit jenem, bereits im Blog vorgestellten Apfel-Gurken-Wasabi-Tatar fülle.
Auch bei der Herstellung von diesem Tatar musste ich zügig arbeiten, denn bei 33 Grad in der Küche zerschmolz mir vor ein paar Tagen der direkt aus dem Kühlschrank entnommene Blätterteig unter den Händen.
Dazu gab es einen vitaminreichen und knackigen Salat - ein perfektes Essen nach einem heißen Sommertag!





Zutaten (für 2 Personen)

  • 300 g kalter Roastbeef-Aufschnitt
  • 1 säuerlicher Apfel (hier eignet sich die Sorte Granny Smith am besten)
  • 1 kleine Salatgurke (Gärtner-/Schmorgurke)
  • 1 El Crème fraîche
  • 1-2 Tl Wasabi
  • Salz, frisch gemahlener Pfeffer



Den Apfel und die Salatgurke schälen, die Gurke halbieren und mit einem Löffel die Kerne auskratzen.
Apfel und Gurke in ganz feine Würfel schneiden. Mit der Crème fraîche und dem Wasabi vermengen und mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Je einen Klecks der Füllung auf eine Scheibe Roastbeef geben und diese aufrollen.


  • 1 Fenchelknolle
  • 1 kleine rote Paprika
  • 1 Bund Radieschen
  • 2 El Apfelbalsam-Essig
  • 1 El Saba (eingekochter Traubenmost, ersatzweise 1 Tl Honig)
  • 1 Tl Dijon-Senf
  • 3 El Olivenöl extra vergine
  • Salz, frisch gemahlener Pfeffer


Die Fencheknolle und die Radieschen in dünne Scheiben schneiden oder hobeln, Fenchelgrün zu Seite legen.
Die Paprikaschote in feine Würfel schneiden.
Aus Essig, Saba oder Honig, Senf, Olivenöl, Salz und Pfeffer eine Vinaigrette rühren.
Das Gemüse auf einem Teller anrichten, gefüllte Roastbeef-Röllchen daraufsetzen, mit der Vinaigrette beträufeln und mit Fenchelgrün belegen.





♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Gegen den Herbstblues: Maltagliati con petto di pollo e scarola



"Rom ist auch bei Regen schön!" So lautete ein Kommentar, den ich heute morgen unter einem Foto, welches das sich in einer Pfütze spiegelnde Kolosseum zeigte, lesen konnte.
Diese schwärmerische Einstellung kann ich nicht teilen. Nein, Rom ist bei Regen nicht schön, schon gar nicht, wenn man seine Einkäufe durch Strassen nach Hause tragen muss, in deren unzähligen Pfützen sich das Schmutzwasser sammelt. Die Autofahrer, mit denen man sich diese Wege teilen muss, nehmen auch nicht gerade Rücksicht, sind sie doch selbst genervt, weil der Verkehr bei schlechtem Wetter meistens zusammenbricht. Als Folge sind meine Hosen oft bis zu den Knien mit schmutzigem Regenwasser durchtränkt.
Die Löcher in den gepflasterten Strassen der Innenstadt werden an manchen Stellen immer größer, und oft bricht der Boden darunter ein. Im Juni berichteten mehrere Zeitungen, dass immer wieder, vornehmlich aus dem "zivilisierten" Mitteleuropa stammende Touristen (oder sollte man sie eher "Wandalen" nennen),  die leider oft schlecht verlegten "Sampietrini", wie das Pflaster hier genannt wird, als Souvenir mitgehen lassen. Soll ich das jetzt noch weiter kommentieren?
Jedenfalls ist es nasskalt geworden, ich habe zum ersten Mal die Heizung aufgedreht, aber warum bekommt man die alten Gemäuer einfach nicht kuschelig warm?!
Dagegen hilft nur eines: Sich in die Küche zurückziehen und Pasta kneten. Da kommt der Kreislauf in Schwung, schon die Herstellung wärmt von innen - und, wie wir alle wissen, auch die Seele!




Zutaten (für 3-4 Personen - oder zwei hungrige)

  • 150 g Mehl
  • 50 g Hartweizengrieß
  • 2 Eier
  • 1 Prise Salz
  • 1Tl Olivenöl extra vergine
  • 200 g Hühnchenbrustfilet
  • 2 Köpfe Endiviensalat
  • 100 ml Weißwein
  • 30 g Pinienkerne
  • 30 g Rosinen
  • 2 El Oliven, in Olivenöl eingelegt (z.B. "Taggiasche")
  • 1 Knoblauchzehe
  • Olivenöl extra vergine
  • Salz, frisch gemahlener Pfeffer
  • 1 Prise Zimt
  • 1 Prise Piment d'Espelette


Einen geschmeidigen Pastateig nach meinem Grundrezept herstellen und in Folie gewickelt ruhen lassen. Dann den Teig mit Hilfe einer Nudelmaschine dünn auswälzen, und die Nudelplatten mit einem Teigrädchen in unregelmäßige Streifen schneiden.




Die Pinienkerne in einer beschichteten Pfanne leicht anrösten
Die Hühnchenbrust fein würfeln. Den Endiviensalat putzen, waschen, trockenschleudern und in nicht zu feine Streifen schneiden.
In einer Pfanne in Olivenöl die geschälte Knoblauchzehe anschwitzen und das Hühnchenfleisch hinzufügen. Anbraten, mit Salz und Pfeffer würzen und mit dem Wein ablöschen. Nun die Endivienstreifen in die Pfanne geben und mit Zimt und Piment d'Espelette abschmecken. Rosinen hinzufügen und ungefähr zehn Minuten dünsten. Knoblauchzehe entfernen und die Pinienkerne sowie die klein geschnittenen Oliven hinzufügen. Nochmals mit Salz und Pfeffer kräftig abschmecken.
Die Maltagliati zwei Minuten in Salzwasser kochen, anschliessend zu dem Sugo in die Pfanne geben und alles gut miteinander vermischen.




Endiviensalat wird in Italien oft auch als Gemüse zubereitet - geschmort mit Rosinen und Pinienkernen. Wer mag, fügt noch ein paar Sardellen hinzu.


♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Mittwoch, 26. September 2012

Boxenstopp in Bayern: Das Unangenehme mit dem Nützlichen verbinden...

Manchmal fahren wir mehr oder weniger spontan mal "kurz" nach Deutschland: Einmal ist es der Zahnarzt,  den man zu einem Routinebesuch aufsuchen muß, ein anderes Mal braucht das Auto eine Inspektion oder in der heimatlichen Redaktion meines Mannes muß mal wieder vorbeigeschaut werden - und das kann man dann wiederum alles miteinander verbinden. Nicht zuletzt freuen sich Verwandte und Freunde in der alten Heimat ja auch immer über einen noch so kurzen Besuch! Diese Tage in der alten Heimat sind aber leider immer vollgepackt mit diesen Pflicht-Terminen, für Vergnügliches bleibt da kaum Zeit - das meinte ich mit dem "Unangenehmen" (und natürlich die elend langen Fahrzeiten). Heimatbesuche könnten mit etwas mehr Muße und Zeit durchaus sehr schön sein! Ein alter Nachbar meines Mannes sprach vor einiger Zeit einmal von "Boxenstopp", als er unseren Wagen wieder vor dessen Elternhaus geparkt sah. Seitdem ist das ein geflügeltes Wort, an das wir immer schmunzelnd bei diesen Kurztripps denken müssen. Bin ich in meiner hessischen Heimatstadt Frankfurt, sieht es leider nicht viel besser aus.
Am Sonntag war es wieder einmal soweit, es ging für einen (!) Tag in die bayerische Heimat meines Mannes. Eigentlich war das gar nicht geplant, aber der Tüv ließ sich nicht länger umgehen. Die Arbeit läßt einem Journalisten wenig Zeit, auch für private Angelegenheiten, die immer mit einigen Aufwand einhergehen, lebt man im Ausland. Noch am Sonntag mußte mein Mann vor der Abreise drei Artikel schreiben - die Aktualität geht immer vor -, dann ging es verspätet los.
Natürlich wollte ich meinen Mann auf dieser Gewalttour nicht alleine lassen. Wir wechseln uns bei diesen Reisen beim Fahren öfters ab und haben entlang der Autobahn, die ich mittlerweile in- und auswendig kenne, schon so manch hübsches Restaurant entdeckt. Von den italienischen "Autogrill"- Restaurant kann ich nur noch abraten. Die Qualität der angebotenen Speisen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert, aber manchmal muß man aus Zeitgründen auch damit vorlieb nehmen.




Natürlich nutze ich auch jeden noch so kurzen Aufenthalt in Deutschland dazu, einige Lebensmittel, die es in Italien nicht zu kaufen gibt, zu besorgen - auch wenn es in letzter Minute und kurz vor der Abreise geschehen muß.
Nun gehöre ich durchaus nicht zu denen, die im Ausland leben und nicht auf deutsche Esskultur verzichten möchten und das deutsche Schnitzel sowie das Sahnetörtchen am Nachmittag vermissen (obwohl ich ganz gerne Filterkaffee trinke...) Trotzdem gibt es einige Produkte, die ich doch ab und an vermisse.
Zuerst werden die Zeitschriftenläden nach aktuellen Kochmagazinen abgegrast. Dann stehen die Supermärkte und diverse andere Lädchen auf dem Besuchsprogramm. Immer wieder bin ich über das Angebot an internationalen und regionalen Lebensmittel selbst im kleinsten niederbayerischen Dorf erstaunt. Gerade auch die Präsentation der Waren empfinde ich als sehr kundenfreundlich: übersichtliche, breite Gänge, niedrige Regale, bei denen man  keinen Spitzentanz vollziehen muß, um an die obersten Regale zu gelangen. Hier macht Einkaufen richtig Spaß, denn was auf meiner Wunschliste steht, gibt es auch. Das ist für mich in Italien nicht unbedingt selbstverständlich, wo ich gerade im August oft schon vor leeren Regalen gestanden habe. Ich weiß noch, wie ich vor zwei Jahren im Sommer nach französischem Camenbert (immer  dieselbe Marke, keine Auwahl!) gesucht hatte - vergeblich!  Über die Preise schweige ich lieber; ich wundere mich stets, wie wenig ich für vergleichbare Lebensmittel in Deutschland bezahle.
Hier eine kleine Auswahl meiner Einkäufe (wie auf dem Foto oben zu sehen): Fonds (die ich  nicht selbst einkoche - ich gestand es bereits), Crème Fraîche, meine geliebte Buttermilch mit den Butterflöckchen, österreichisches Kürbiskernöl, das ich so gerne über Kürbissuppe träufele, grüner Senchatee, den es zwar in einer Ladenkette in Rom auch gibt, aber das Dreifache kostet. Nicht wundern über die Blattgelatine! Zwar bekomme ich die auch hier, aber die einzelnen Blätter wiegen geringfügig mehr, was mich dazu zwingt, bei manchem Gerichten die Gelatine genau abzumessen, sonst werden die Speisen viel zu fest. Ja, ich besorge auch Vanillestangen in Deutschland, da ich mehrfach schlechte Erfahrungen mit den hiesigen Produkten gemacht hatte. Sie waren vielleicht schlecht gelagert oder zu alt; jedenfalls zerbrachen die Stangen unter meinen Fingern wie dürre Äste. Meine Schwiegermutter packte mir bei der Abreise noch eine Scheibe bayerischen Leberkäse ein. Den brate ich mir heute Abend mit einem Spiegelei obendrauf (heute Abend esse ich alleine, da ich leider eine Einladung ausschlagen muß - siehe unten). Nicht auf dem Foto zu sehen ist eine Tüte mit Laugenbrezeln, die ich portionsweise eingefroren habe - eine davon gibt es zu meinem urigen Mahl heute Abend.
Leider bleiben solche Gewalttouren manchmal nicht ohne Folgen: Meine angeschlagene  Halsmuskulatur hat die Reise nicht so gut weggesteckt, und so trage ich nach einer kurzen Nacht heute mal wieder meine kleidsame Halskrause, trinke aber dafür meine geliebte Buttermilch und blättere in der neuesten Ausgabe vom "Feinschmecker"!




♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Mittwoch, 22. August 2012

Nur ganz kurz...

...öffne ich für Barbara mal die Fensterläden.
Denn eigentlich gibt es bei mir keinen sommerlichen Blick aus dem Küchenfenster.  Doch Barbara lädt uns ein, im heißen August unsere Küchenausblicke zu zeigen. Seit Wochen schwanken die Temperaturen in Rom zwischen 35 und 40 Grad! Nur wenn ich für mein Blog bei der Zubereitung eines Gerichts etwas fotografiere, öffne ich kurz einen Laden, damit ich meine Aufnahmen tagsüber nicht bei künstlichem Licht machen muß. Und jetzt für Barbara!
Wie in jedem Jahr bleiben bei mir die Fensterläden der Küche im Sommer geschlossen. Nur so sind die Temperaturen darin einigermaßen zu ertragen. Was sage ich - einigermaßen? Noch immer zeigt dort ein Thermometer in der Küche 33 Grad an. In einem Küchenschrank fand ich vor ein paar Tagen ein Glas mit weißen Schokotropfen zum Backen, die zusammengeschmolzen waren! Zwar laufen tagsüber in unserer Wohnunge stets zwei von drei Klimaanlagen und nachts eine im Schlafzimmer, aber leider erreicht keine kühle Luft meine kleine Küche.
Genug der Worte - jetzt öffne ich kurz mal die Läden!




Zwei Fenster hat meine Küche. Eines nahe beim Herd. Von dort aus blicke ich auf die efeubewachsene Wand einer Dachterrasse. Auch Jasmin blüht im Frühsommer üppig zwischen dem Grün. Bis zum Jahr 2000 war das einmal unsere Dachterrasse, bevor wie dann ein Stockwerk weiter nach oben umgezogen sind. Diese Terrasse lag direkt vor unserem Wohnzimmer, und wir frühstückten dort im Sommer jeden Morgen mit Blick auf die damals noch quicklebendige große Palme im Innenhof. Auch unsere wie immer späten Abendessen genossen wir dort.




Im Efeu versteckt ist dieser kleine Brunnen mit der wasserspeienden Fratze darüber. Ich glaube, ich hatte damals ein paar Blümchen in die marmorne Wanne gepflanzt.
Das ist jetzt ein Blick auf die Küchenfenster von einem anderen Teil unserer Wohnung aus fotografiert. Daneben sieht man einen anderen Ausschnitt der Terrasse.





Vom zweiten Fenster, das linke auf dem Foto oben, sehe ich auf einen weiteren Teil unserer Wohnung. Ganz oben unsere - leider wenig benutzte - Terrasse. Zu dieser kommt man nur über eine enge steinerne Wendeltreppe, die ich in einem anderen Post beschrieben hatte.




So, und jetzt mache ich ganz schnell wieder alle Läden zu!


Blick aus dem Küchenfenster: Sommer - bis 31.08.2012


♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Mittwoch, 15. August 2012

Zauber der Stille: Ferragosto und ein fast leerer Palazzo

Ferragosto - der wohl höchste italienische Feiertag!
Wenn am 15. August die katholische Welt Mariä Himmelfahrt zelebriert und der Papst in Castelgandolfo die Sommerfrische genießt, feiern die Italiener vor allem den Höhepunkt ihres Urlaubs. Danach geht es nämlich nur noch bergab - rein ich die "kalte" Jahreszeit, regelmäßig begleitet von der "Depressione del rientro", der "Zurück-in-die-Stadt-und-in-das-Arbeitsleben-Depression", die man dann mit den immer wieder gleichen pseudopsychologischen Tipps aus den Tageszeitungen und Magazinen zu bekämpfen versucht.
Die Markstände sind bis auf ein paar wenige zusammengeschrumpft, und mein Metzger hat den Laden für zwei Wochen dichtgemacht - heute bleibt überhaupt fast alles bis auf die Restaurants  geschlossen! Trotzdem ist die Situation nicht mehr ganz so dramatisch wie noch vor einigen Jahren, wo ältere Leute, die zurückgelassen wurden oder nicht mit in die Ferien fahren wollten, kurz vor dem Verhungern waren, weil viele Läden im August geschlossen blieben.






Wie in jedem Jahr ist es stiller an den Tagen um den Ferragosto herum, und auch der Palazzo, in dem wir wohnen, hat sich geleert. Der Barone verbringt seinen Sommerurlaub oft  mit seiner Familie in Costa Rica, wo seine Frau ihre Mutter besucht, und seine ältere Cousine, die Baronessa, geniesst irgendwo kühleres Klima. Auch die wenigen anderen Nachbarn sind vor der Augusthitze aus der Stadt geflüchtet.




Wir sind übriggeblieben, mitleidigt belächelt, da wir uns jetzt an den heißesten Tagen des Jahres keinen Urlaub leisten, aber immer noch unbelehrbar, dass man den Sommer mit Urlaub im September oder Oktober verlängern kann.




Andererseits sind wir für die Eigentümer - das Haus gehört einer römischen Adelsfamilie - jetzt auch die "Hüter" ihres Palazzo. Besonders die nach frischem Nass dürstenden Pflanzen des kleinen, von Häusermauern umschlossenen Gartens sollen wir ab und mit etwas Wasser versorgen. Nun sind sogar am Montag nach vielen Wochen wieder einige Regentropfen, von Donnergrollen begleitet, zu Boden gefallen. Aber eine nächste Hitzewelle steht uns schon bevor.





Das Haus, in dem ich nun seit 18 Jahren lebe, hat mich von Anfang an fasziniert.
Erbaut, noch bevor Columbus Amerika entdeckt hat, gehört es zu den ältesten Palazzi in unserem Viertel in der römischen Altstadt. Das italienische Wort "Palazzo" bezeichnet dabei nicht ausschließlich einen "Palast", sondern schlicht ein Wohnhaus - das kann ein Prunkbau, aber auch nur eine Mietskaserne sein. Natürlich gibt es prächtigere historische Palazzi als das Haus, in dem wir wohnen -  mit imposanteren Treppenhäusern und prunkvolleren Innenräumen. Rom ist voll davon! Die unscheinbare, ja fast ein wenig heruntergekommene Backsteinfassade zieht kaum Blicke auf sich, auch weil das mächtige, doppelflügelige, hölzerne Portal seit ein paar Jahren geschlossen bleibt. Sobald aber ein Besucher durch einen tonnengewölbten Korridor in den Cortile, den Innenhof, gelangt, empfängt ihn eine geschichtsträchtige, ungewöhnliche und urrömische Welt.




Erbaut wurde dieser Palazzo in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Ein aus Nikosia stammender Kardinal, darüber hinaus Leibarzt des kränklichen Papstes Innozenz VIII, der von 1584-1492 auf dem Papstthron saß, ließ dieses Haus errichten. Nach dem Tod des Papstes wurde dieser Kardinal privater Sekretär des berühmt-berüchtigten Borgia-Papstes Alexander VI. Noch heute ist der Palazzo nach diesem Kirchenmann benannt.





Auch eine Kapelle gab es einst in diesem Haus. Heute ist der ehemalige Sitz dieser Kapelle zwar nur noch ein als Wohnzimmer genutzter Raum, aber die Fresken, die sich unterhalb der Decke über die Wände ziehen, erzählen von  Begegnungen des Jesuitengründers Ignatius von Loyola (1491-1556) mit dem Heiligen San Filippo Neri (1515-1595) an dieser Stelle. Dem "Humoristischen Heiligen" Filippo Neri widmete Goethe in seiner "Italienischen Reise" übrigens ein ganzes Kapitel.
Durch das ganze Haus windet sich noch eine enge, steinerne Wendeltreppe, die in jeder Wohnung zwar sichtbar, aber zugemauert ist, sonst könnte man seine Nachbarn auch auf diesem Weg einen Besuch abstatten.




Unzählige antike Fragmente wie Inschriften, Teile von römischen Marmor-Sarkophagen und Reliefs sind in den pompeianisch-roten Verputz des Treppenhauses eingemauert. Einige der rund zweitausend Jahre alten Antiken, wie etwa die Leda mit dem Schwan, sind von hervorragender künstlerischer Qualität, wie mir der ehemalige Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts von Rom versicherte.






Giorgio Vasari, der große Künstlerbiograph des 16. Jahrhunderts, beschreibt in seinem Hauptwerk über die "Lebensläufe berühmter Maler, Bildhauer und Architekten" - Pflichtlektüre eines jeden Studenten der Kunstgeschichte -  einige Arbeiten, die im Innenhof und im Garten von dem florentinischen Künstler Pierino del Vaga ausgeführt wurden.
Der Venusbrunnen stammt aus einer späteren Epoche, birgt aber auch eine Besonderheit: Das Wasser, dessen Plätschern mich oft akustisch begleitet, kommt aus einer Quelle in den rund dreißig Kilometer entfernten Sabiner Bergen und wird hergeleitet über den immer noch aktiven und regelmäßig restaurierten antiken Aquädukt "Aqua Virgo".  Auch der Trevibrunnen und der Vierflüsse-Brunnen auf der Piazza Navona werden über diesen Aquädukt mit Wasser versorgt.
Palmen, Orangenbäume, Glyzinen und Efeuranken bilden einen kleinen Dschungel inmitten der Mauern. Die mächtige Palme, die den Mittelpunkt dieses Gartens bildet, wurde leider Opfer eines Käfers aus Südostasien, dem roten Palmrüssler (Rhynchophorus ferrugineus). Nur noch der dicke, efeuumwundene Stamm ist von dem schönen Baum übriggeblieben, dessen prächtige Krone auf einem Foto in diesem Post aus dem vergangenen Winter zu sehen ist - und zwar schneebedeckt!




Schon oft diente der Palazzo als Filmkulisse. Zuletzt erst drehte 2009 der amerikanische Regisseur Bob Marshal hier einige Szenen für den Musicalfilm "Nine" - mit Nicole Kidman, Daniel Day-Lewis, Sofia Loren und Marion Cottilard in den Hauptrollen. Besonders von Marion Cottilard schwärmte der Barone, in dessen Räumen sich die schöne Französin für eine Aufnahme auf seinem Sofa räkeln durfte. Das Treppenhaus war während der Drehtage vollgepackt mit armdicken Kabeln, Computermonitoren, Kameras sowie Dutzenden von starken Scheinwerfen und damit praktisch unbegehbar.



Im Moment geniesse ich die Stille des Augusts und bin doch froh, wenn in wenigen Tagen wieder Leben einkehrt. Während ich diese Fotos aufnahm, entdeckte ich wieder neue Details im Treppenhaus, dessen steile Stufen ich oft verfluche, da ich meine meine täglichen Einkäufe bis in das oberste Stockwerk hinaufschleppen muß.
Trotz einer Jahrhunderte alten Vergangenheit strahlt dieses Haus nichts Düsteres, sondern nur heitere Zeitlosigkeit aus, die mich hier gerne wohnen läßt.
Buon Ferragosto!






 ♥♥♥
Un abbraccio
Ariane
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